Burgställe und Wallanlagen

Sierndorf und die Herren von Zelking

Veröffentlicht
 
 
Ein Beitrag aus Sierndorf

Diplomarbeit von Frau (Mag. phil.) Ute Bixa

 
 
Titel der Diplomarbeit

„Die Porträtbüsten  des Wilhelm von Zelking und der Margaretha von Sandizell in der Sierndorfer Schlosskapelle”
Verfasserin Ute Bixa

  Angestrebter akademischer Grad Magistra der Philosophie (Mag.phil.)
Wien, im April 2008
 

Studienkennzahl lt. Studienblatt: A 315
Studienrichtung lt. Studienblatt: Kunstgeschichte
Betreuer: Dr. Friedrich Dahm

1. Vorwort

Die vorliegende Arbeit versucht eine Annäherung an die porträthaften Büsten der Chorempore in der Schlosskapelle zu Sierndorf. Nicht die stilistische Einordnung oder die Frage nach der Künstlerwerkstatt sollen im Vordergrund stehen, denn dazu gibt es bereits einiges an Material, welches im Zuge der Erstellung eines Forschungstandes aufzuarbeiten sein wird. Zentrales Anliegen dieser Befassung ist es zu klären, unter welchen Voraussetzungen und aus welcher Motivation heraus Wilhelm von Zelking sich und seine Frau lebensgroß und wahrhaftig an derart prominenter Stelle im Kirchenraum abbilden ließ.
Die gesellschaftlichen, politischen und religiösen Rahmenbedingungen der Stiftung sollen zur Klärung dieser Fragen beitragen. Zu diesem Zweck wird es notwendig sein, die Biographie des Mäzens nachzuzeichnen und sie im Licht der Entwicklung des Niederösterreichischen Adelstandes an der Wende des Mittelalters zur Neuzeit zu hinterfragen.
Auf welche Art und Weise repräsentierte der Adel seinen Status an der Zeitenwende? Wie beeinflusste der aufkommende Humanismus den Lebensweg des jungen Adeligen? Welche Wirkung hatten das Kaiserhaus und die davon ausgehenden Impulse auf die Stände?
Darüber hinaus wird zu ergründen sein, in welchem Lebenszusammenhang die Porträtbüsten in Auftrag gegeben wurden. Passt das gängige Schema der Darstellung von Macht und Memoria am Grabmal des Stifters zum vorliegendem Werk? Gibt es Vorbilder für ebenbildliche Stifterporträts außerhalb der traditionellen Begräbniskultur?

Ausgehend von jenem hier nur kurz umrissenen Spannungsfeld soll versucht werden, ein möglichst klares Bild des Auftraggebers, seiner Zeit und vor allem seiner Intentionen zu zeichnen. Wer war also dieser Wilhelm von Zelking und was bewegte ihn dazu, eine der selbstbewusstesten Ich-Darstellungen der Epoche zu hinterlassen?

2. Wilhelm von Zelking – Versuch eines Lebensbildes
 
Anliegen dieses ersten Abschnittes der vorliegenden Arbeit ist es, einen Einblick in die komplizierten gesellschaftlichen, politischen und sozialen Zusammenhänge der Entwicklung des niederösterreichischen Landadels an der Wende vom Mittelalter zur Neuzeit zu geben. Denn nur unter Berücksichtung dieser vielfältigen Bezugssysteme lassen sich die Bedeutung und die Intention des zu untersuchenden Kunstwerkes erläutern. Die hier angewandte Vorgehensweise ist deduktiv. So wird primär versucht das Leben des Wilhelm von Zelking anhand von überlieferten Urkunden, Testamenten, Kaufverträgen und Inschriften schrittweise zu rekonstruieren. Ausgehend von diesen persönlichen Lebensdaten wird der Versuch unternommen, ein Bild des niederösterreichischen Adels um 1500 zu zeichnen. Aufschluss über die Stationen im Leben des Zelkingers geben über wenige erhaltene Primärquellen hinaus die Aufzeichnungen Friedrich KERNS, welcher 1872 die gesammelten „Regesten, Grabschriften und Notizen zur Genealogie und Geschichte der Herren von Zelking“ im Jahrbuch Adler veröffentlichte. Als Quelle diente Friedrich KERN das 1635 als Verlassenschaft abgefasste „Inventarium Weillendt des Hoch- und Wohlgebornnen Ludtwig Wilhelbm Hernn von und zu Zelking, zum Weinberg auf Leonstein, Tornbach undt Wardtberg“ in welchem ein Teil der zu diesem Zeitpunkt vorliegenden Dokumente erfasst und mit einer kurzen Beschreibung versehen wurde.
 
Dieses Inventar wurde nach Erlöschen des Geschlechtes Zelking auf 1.) F. KERN, Regesten, Grabschriften und Notizen zur Genealogie und Geschichte der Herren von Zelking, in: Heraldisch genealogische Zeitschrift. Organ des heraldisch genealogischen Vereins Adler, II, Wien 18711873.
2.) E. KHAINACH/J. GEYMANN/H. von PECKHOUEN, Inventarium und Beschreibung des Ludwig Wilhelm Herrn von und zu Zelking, zum Weinberg, auf Leonstain, Tornbach und Wartberg Herrn der Herrschaften Tüernstain und des Thales Wochau als letzen dieses Namens Verlassenschaftt in Ligunden und Varenden Stückh Gült vnd Güetern, auch gefundnen Paarschaft Schulden und Gegenschulden auf beeden Güetern Thüernstain und Zelckhing, o. O. 1635 Anordnung des landmarschallischen Gerichtes in Wien zur Ordnung des Erbes angelegt. Die Verzeichnisse enthalten jedoch nur jene Urkunden, die zur Klärung der Erbangelegenheiten von Bedeutung waren. Heute befindet sich das Inventar in der Handschriftensammlung der österreichischen Nationalbibliothek.
3.) Eine weitere für die Rekonstruktion des Lebenslaufes des Wilhelms von Zelking unentbehrliche Quelle stellt WISSGRILLS handschriftliches Manuskript dar. Der wirkliche k. u. k. Hofsekretär Franz Karl WISSGRILL veröffentlichte 1794 den ersten Band seiner Genealogie „Schauplatz des niederösterreichischen landsässigen Adels vom Herren- und Ritterstande vom XI. bis zum Ende des XVIII. Jahrhundertes“.
Der Abdruck seiner alphabetisch fortlaufenden Auseinandersetzung mit den niederösterreichischen Adelsfamilien endete vorerst 1824 mit dem fünften Band, der die Historie der Adelsfamilien bis einschließlich zum Buchstaben L wie Lempach veröffentlicht. Nach WISSGRILLS Tod überließ seine Witwe das handschriftlich vollständig ausgearbeitete Manuskript dem Niederösterreichischen landeständischen Archiv. Die heraldische Gesellschaft Adler begann WISSGRILLS Nachlass aufzuarbeiten und publizierte in den Jahren 1872 bis 1890 Wissgrills Aufzeichnungen von Lempruch bis Puchheim. Heute befinden sich die handschriftlichen Aufzeichnungen WISSGRILLS im Niederösterreichischen Landesarchiv in St. Pölten.
4.) Auch Alois Freiherr von STARKENFELS Forschungen zum I. ZIBERMAYR, Die St. Wolfgangslegende in ihrem Entstehen und Einflusse auf die österreichische Kunst, Linz 1924, S. 95. ÖNB Cod. 14886.
5.) F. WISSGRILL, Schauplatz des niederösterreichischen landsässigen Adels vom Herren- und Ritterstande vom XI. bis zum Ende des XVIII. Jahrhundertes, Wien 1794
1824.
6.) F. CZEIKE, Historisches Lexikon Wien, Bd. 5, Wien 2004, S. 666f.
7.) F. WISSGRILL, Schauplatz des niederösterreichischen landsässigen Adels vom Herren- und Ritterstande vom XI. bis zum Ende des XVIII. Jahrhundertes, in: Heraldisch genealogische Zeitschrift. Organ des heraldisch genealogischen Vereins Adler, II – XX , Wien 1872
1890.
8.) NÖ Landesarchiv Handschrift 93-104, oberösterreichischen Adel tragen wertvolle Hinweise zur Genealogie der Familie Zelking bei.
Der Vater Wilhelms von Zelking, Christoph II. von Zelking, war in erster Ehe mit Margaretha von Pottendorf verheiratet. Dieser am 7. Juli 1466 geschlossenen Verbindung entstammten vier Kinder: Hans VII., Veit, Barbara und Margarethe. Apollonia von Polheim wurde Christophs von Zelking zweite Gemahlin. Sie gebar ihrem Mann die Söhne Wilhelm II. und Wolfgang, sowie die Tochter Anna. Wiederholt wird der am 4. August 1482 geborene Wilhelm als jüngster Sohn Christoph von Zelkings bezeichnet. So etwa bei WISSGRILL „Herr Wilhelm von Zelking, zu Hainburg, Sierndorf, der jüngste Sohn Herrn Christoph II. von Zelking,
wie auch bei STARKENFELS „Wilhelm II., Christophs II. jüngster Sohn“. Im Testament des Vaters vom 28. Oktober 1490 wird Wilhelm jedoch als Drittgeborener der vier Söhne genannt.
Item da got vor sey ob mein sun der nu im neuntn jar ist, genant Wilhalm, der annder im alter sein wurd, der doch yetz der drit und noch ain kind ist. Diese Position als Dritter in der Erbreihenfolge hatte von vornherein weit reichende Konsequenzen für die Planung des Lebenslaufes des jungen Mannes. Denn in der frühen Neuzeit bestand ein grundsätzlicher Zusammenhang zwischen Erbe und Heirat. Die Heirat hatte die ökonomische
9.) A. von STARKENFELS, Oberösterreichischer Adel, in: Großes und allgemeines Wappenbuch, Nürnberg 1904, S. 674
691.
10.) Ebenda, S. 688.
11.) F. WISSGRILL, Genealogische Collectanen, o. O., o.J., S.76. (NÖ Landesarchiv Handschrift 101)
12.) STARKENFELS, Adel (zit. Anm. 9), S. 689.
13.) Testament des Christoph von ZELKING, 28. Oktober 1490, NÖLA Privaturkunden 4090, im Original eingesehen von der Verfasserin, im Folgenden zitiert nach F. OBERCHRISTL, Der gotische Flügelaltar zu Kefermarkt, Linz 1923, S. 5.
Unabhängigkeit zur Voraussetzung und nur wer einen eigenen Haushalt führen konnte, durfte an eine Familiengründung denken. Je unsicherer und kleiner die wirtschaftliche Basis war, desto höher wurde das Heiratsalter. So hatten die nachgeborenen Söhne im Gegensatz zum Erstgeborenen oft nur geringe Chancen auf eine Heirat. Folglich standen Wilhelms Chancen auf Heirat und Familiengründung von Geburt an eher schlecht. Im Testament des Vaters wurden umfassende Vorkehrungen zur Erziehung und
Berufsausbildung der beiden jüngeren Söhne getroffen:
Item ich will das dy eltern mein zwenn sun nichtz sullen versetzn noch verkauffen gewalt haben, untzt dy jüngern zwenn sun auch zu irn vogtparn jarn komen sein neben inn das sol nu mein swager herr Pernhart von Polhaim des ain gewalt haben zu ainem pfaffen zemachen und des anndern mein swager herr Wolfganng von Polheim zu ainem hofman zemachen mag, sy aber mein sun der Wilhalm bey inn baidn aus reden, das er ain frummer hofman beleib, das lass ich auch beschehen; der dritt und junigst mein swager Weigkhart von Polheim der rat zu hofwerich und freylich nicht zu priesterschafft als ich woll an im ermerkht hab, ist mein mayung, ob unnder meinen sunen allen viern ir ainem will trueg geistlich zu werdn zu priester, dem schaff ich zerung tausent reinisch guldein zu lernung der kunst der latein, davon der gots lob entspreusst und zwayhundertt phund phennig järlicher gült auf sein lebbtag auf meinem gelassen guet ihres vaterlichen erbs, er hab beneficium oder nicht.
Die für den Vater erstrebenswerteste Versorgung der Söhne aus zweiter Ehe sah demnach vor, den beiden unter Obsorge ihrer Onkel mütterlicherseits die Ausbildung zum Priester beziehungsweise Hofmann zu ermöglichen, wobei Christoph aber nicht eindeutig festlegte, welcher der Söhne zum Pfarrer ausgebildet werden soll. Geht man von der Reihenfolge der Nennung aus
erst Wilhelm, dann Wolfgang beziehungsweise den einen zum Pfaffen zu machen, den anderen zum Hofmann zu machen – so betrifft der Passus
14.) Vgl. B. BASTL „Adeliger Lebenslauf“. Die Riten um Leben und Sterben in der frühen Neuzeit, in: Ausst. Kat., Adel im Wandel, Rosenburg 1990, S. 377f.
15.) OBERCHRISTL, Kefermarkt (zit. Anm. 13), S. 6.
wahrscheinlicher den zuerst genannten Wilhelm. Dieser konnte somit als junger Mann nicht selbstverständlich mit einer späteren selbstständigen Haushaltsgründung und einer darauf folgenden Vermählung rechnen. Sollte Wilhelm der ihm zugedachte Lebensweg nicht entsprechen, so gewährte ihm der Vater als mögliche Alternative dazu eine Karriere als frommer Hofmann.
Für denjenigen der Söhne, der sich für das Priesteramt entscheiden mochte, stiftete er die entsprechenden Mittel, um die lateinische Sprache zu erlernen.
Noch lange Jahre bevor das Testament des Vaters vollstreckt und somit die Weichen für Wilhelms zukünftiges Leben gestellt wurden, erhielt der Knabe eine umfassende Ausbildung. Grundsätzlich erkannte Christoph von Zelking die Wichtigkeit der Beherrschung von Fremdsprachen für den Werdegang seiner Söhne. Zur Bedeutung standesgemäßer Erziehung notiert Andreas ZAJIC: „Gerade Sprachkenntnisse waren noch am ehesten dazu angetan, durch ihre Verwertbarkeit in fürstlichen Ämtern, bei Legationen und Gesandtschaftsreisen den adeligen Ehrgeiz zum Bildungserwerb zu wecken.“ So wurden Wilhelm und sein Bruder Wolfgang dazu angehalten, zusätzlich zur deutschen Sprache auch die böhmische Sprache zu erlernen. Es ist die Sprache der benachbarten Standesgenossen und der böhmischen Landtage. Viele niederösterreichische Adelige besuchten im 16. Jahrhundert böhmische oder mährische Schulen. Durch die Sprachkenntnisse wollte der Vater es den jungen Männern erleichtern, nachbarschaftliche Beziehungen zu knüpfen und im Bedarfsfall ein freundschaftliches Verhältnis mit den böhmischen Nachbarn zu pflegen – dies sollte einen deutlichen Karrierevorteil bewirken.
16.) A. ZAJIC, „Zu ewiger gedächtnis aufgericht“. Grabdenkmäler als Quelle für Memoria und Repräsentation von Adel und Bürgertum im Spätmittelalter und in der Frühen Neuzeit. Das Beispiel Niederösterreichs, Wien 2004, S. 291.
17.) Vgl. G. HEIß, Standeserziehung und Schulunterricht. Zur Bildung des niederösterreichischen Adeligen in der frühen Neuzeit, in: Ausst. Kat., Adel im Wandel, Rosenburg 1990, S. 395.
Item ich will auch nemlich zu lob got dem almächtigen, das der elter mein sun um pesser verstennttigkait willen den jüngern meinen zwain sun seel hail willen, Wilhalm unnd Wolfganngen zu Banony auf der höchsten schuel auf zway jar, yedm mit zwainhundert reinisch guldein versehen sol, da dann mein sun der Veyt yetz ain tzüg hinein reytt und vor zu Behaim yeder zway jar gewesen sey dy pehamisch sprach zu lernen, den enndn do man der teutschn sprach nicht phlicht zereden und guet christen sein, als dann mein sun herr Hanns und Veyt nach meinem bevelh auch getan, sich mit irn nachtpern auf der pehamischen grännitz destatlicher bereden kumen, wenn so sy der behamischen sprach ettwas versten haben nachtperlich mit in haltn mügen und sich dest freuntlicher zubehelffn gegen den Pehamen, als in dann des not thuet, darauf sy der ellter mein sun mit erber zerung nicht verlassen sol, dardurch nicht verhindrung gewinngen; das ist für sy gotlich mit der latein und guet gewondlich mit der pehamischen sprach. Sy sullen auch woll deutsch lernen, allerlay matery, das diennt woll zuvernunfft und verstenntigkait, so mügen sy alstann all irm herrn und lanndesfürstn fruchtperlich nach irer genadn gevallen wol gedienn und albeg genädig herrn an in haben für annder grob paurn di nye auskämen und nichts lernnen haben wellen.
Im traditionellen feudalistischen System der ständischen Gesellschaft, wurde die Stellung des Einzelnen zu allererst durch dessen Herkunft definiert. Die Abstammung war das Bezugssystem aus dem der Adel seine privilegierte Machtstellung rechtfertigte. An der Wende zur Neuzeit zeichneten sich gesamtgesellschaftliche Umwälzungen ab. „Die Historiker sprechen von einer Verrechtlichung der Gesellschaft, von einer Verwissenschaftlichung beziehungsweise Professionalisierung der Regierungstätigkeit und von einer Kapitalisierung der Grundherrschaft“, wie Gernot HEIß in seiner Befassung mit Standeserziehung und Schulunterricht um 1500 zusammenfasst. Es drängten immer mehr gebildete bürgerliche Aufsteiger in die landesfürstlichen Ämter. Um sich angesichts dieser Konkurrenz durchsetzen zu können, wurde universitäre Bildung für den jungen Adeligen rasch zu einer
18.) OBERCHRISTL, Kefermarkt (zit. Anm. 13), S. 5f.
19.) Vgl. HEIß, Standeserziehung (zit. Anm. 17), S. 391.
20.) Ebenda, S. 392.
Notwendigkeit. Der Adel wurde gezwungen, wollte er seine angestammte Macht und die Privilegien behalten, seine Einstellung zur Bildung zu ändern und Kenntnisse zur Bewältigung von Aufgaben in der Landesverwaltung sowie der grundherrlichen Verwaltung zu erwerben. Nach Karin J. MacHARDY hatten 29 (ein Zehntel) der um 1580 lebenden Mitglieder des niederösterreichischen Ritterstandes Universitäten besucht, 1620 waren es bereits 49 (ein Fünftel). Die Ausbildung junger Adeliger an der „Höchsten Schule“, der Universität, zielte allerdings nicht nur auf individuellen Erfolg ab, sondern sollte vor allem der Ehre der Familie zu Gute kommen. Eine wesentliche Funktion der adeligen Bildung war es, unterscheidendes Verhalten einzulernen und zu kultivieren, um den Stand von den anderen abzugrenzen und gegen Konkurrenz zu schützen. Daran erinnern auch Christoph von Zelkings bereits oberhalb zitierte Worte:
… so mügen sy alstann all irm herrn und lanndesfürstn fruchtperlich nach irer genadn gevallen wol gedienn und albeg genädig herrn an in haben für annder grob paurn di nye auskämen und nichts lernnen haben wellen.
In der Familie der Zelkinger wurde der Wert universitärer Ausbildung schon lange geschätzt, war doch bereits bei der Gründung der Wiener Universität durch Herzog Rudolf am 11. März 1365 Albert V. von Zelking, der Urgroßvater Wilhelms, unter den Zeugen zum Stiftsbrief. Wilhelm und Wolfgang sollten laut Testament des Vaters ebenso wie ihr älterer Bruder
21.) Vgl. A. ZAJIC, Zu ewiger gedächtnis aufgericht (zit. Anm. 16), S. 291.
22.) K. J. MacHARDY, Der Einfluss von Status, Konfession und Besitz auf das politische Verhalten des niederösterreichischen Ritterstandes 1580
1620, in: G. Klingenstein – H. Lutz (Hrsg.), Spezialforschungen und „Gesamtgeschichte“ (Wiener Beitr. Z. Geschichte d. Neuzeit), Wien 1981, S. 73.
23.) Vgl. HEIß, Standeserziehung (zit. Anm. 17), S. 391f.
24.) Ebenda, S. 391.
25.) OBERCHRISTL, Kefermarkt (zit. Anm. 13), S. 6.
26.) STARKENFELS, Adel (zit. Anm. 9), S. 686.
Veit die Universität von Bologna besuchen. Die Forschungen Gustav C. KNODS der einen biographischen Index deutscher Studenten in Bologna erstellt, bestätigen für 1490 Veit von Zelkings Immatrikulation an der Universität von Bologna, die beiden nachgeborenen Brüder bleiben jedoch gänzlich unerwähnt. Sollten die vorgesehenen zwei Jahre Studienzeit tatsächlich von Wilhelm und Wolfgang in Anspruch genommen worden sein, so ermöglichten sie wahrscheinlich nur den Einblick in die Studienrichtung, nicht aber den Abschluss eines vollständigen Studiums. Generell waren die Universitätsstudien der jungen Adeligen unterschiedlich intensiv. Während einige nur auf der Durchreise inskribierten, schlossen andere ihr Studium mit dem Doktorat ab. Im Laufe des 16. Jahrhunderts kamen beim europäischen Adel zum Abschluss der Ausbildung und zur Vervollkommnung der Kenntnisse Bildungsreisen in Mode. Im Mittelpunkt dieser Studienreisen stand der Universitätsbesuch. Im Alter von ungefähr 16 Jahren, also mit Erreichen der Volljährigkeit, reisten die jungen Adeligen außer Landes, um in Bologna, Padua, Dole oder Löwen ihre Rechtsgelehrsamkeit zu vervollkommnen. Sprachkenntnisse wurden vor allem in Frankreich und Italien, das standesgemäße Benehmen in den Residenzstädten verfeinert.
Der bei den Brüdern Zelking vorgesehene Universitätsbesuch außer Landes zeichnet wohl bereits den Beginn dieser Entwicklung ab. Die Studienreisenden besichtigten die Wunderwerke der Architektur, Natur und Kunst, die Reitställe, Festungsanlagen und Waffenkammern sowie die historischen und religiösen Gedenkstätten. Die Schwerpunkte wurden unterschiedlich gesetzt, je nach persönlichem Interesse beziehungsweise nach
27.) Vgl. F. OBERCHRISTL, Der gotische Flügelaltar zu Kefermarkt. Ein Beitrag zur Geschichte der gotischen Plastik in Oberösterreich, Linz 1923, S. 3
9.
28.) Vgl. G. C. KNOD, Deutsche Studenten in Bologna (1298
1562). Biographischer Index zu den Acta nationis Germanicae universitatis Bononoensis, Strassburg 1899, S. 651.
29.) Vgl. HEIß, Standeserziehung (zit. Anm. 17), S. 400.
30.) Vgl. Ebenda, S. 398f.
jenem des Vaters. Als Student an der Universität Bologna hätte der Zelkinger bestimmt wiederholt Gelegenheit gehabt, die Kunstwerke und Bauten Bolognas wie auch der Umgebung zu besichtigen und auf diese Weise der italienischen Renaissance zu begegnen.
Christoph von Zelking starb am 2. August 1491, acht Monate nach der Errichtung seines Testaments. Er wurde in einem Hochgrab im Chor der Kirche St. Wolfgang zu Kefermarkt beigesetzt. Wilhelm war zu diesem Zeitpunkt neun Jahre alt. Seine beiden älteren Brüder Hans und Veit übernahmen, wie im Testament des Vaters festgelegt, bis zum Erreichen seiner Volljährigkeit im Alter von 16 Jahren die Vormundschaft.
so sol untzt auf des benantn Wilhalm und Wolfganng, der yetz der jünger ist, derselb eltist mein sun dy selbn zwen ir leyplich brueder meinen halbn als ain vatter seine kinder auf des benantn Wilhalm oder so der nicht in leben ist den jüngern Wolfganng untzt auf dy sechtzehenn jar betreuen.
Am 21. April 1492, nur ein halbes Jahr nach dem Tod ihres Mannes, unterzeichnete Apollonia von Polheim zugunsten ihrer Söhne folgenden Verzichtsbrief:
Verzichtsbrief der Frau Apollonia, Herrn Weikhards von Polheim seel. Tochter, und des Herrn Christoph v. Zelking seel. Hausfrau, auf ihre Stiefsöhne Herrn Hansen und Veithen von Zelking und ihre unvogtbaren Kinder Herrn Wilhelm und Herrn Wolfgang Brüder von Zelking, wegen ihres zugebrachten Heirathsguts per 1000 fl.34 und widerlegten 500 fl.
31.) Vgl. Ebenda, S. 399.
32.) Vgl. KERN, Regesten (zit. Anm. 1), S. 196.
33.) OBERCHRISTL, Kefermarkt (zit. Anm. 13), S. 5.
34.) fl. = Florentiner Gulden
35.) KERN, Regesten (zit. Anm. 1), S. 196.
Der Ehevertrag, als rechtliche Grundlage der Eheschließung schützte vor allem die Frau in der Ehe wie auch im Witwenstand. Er nahm die Funktion eines Testaments vorweg. So sollte, im Rahmen allgemein erbrechtlicher Bedingungen, die Zukunft der Witwe abgesichert werden. Mitgift der Braut und Widerlage des Bräutigams wurden bei Abschluss des Heiratkontraktes als Witwenversorgung hypothekarisch sichergestellt. Christoph von Zelking hatte seine Gattin im Testament sehr ausführlich bedacht, sie erhielt ein Haus in Freistadt mit allen zum Besitz gehörenden Gütern sowie den anfallenden Zehent. Neben der für sie vorgesehenen Dienerschaft wurde auch der ihr zustehende Hausrat im Testament genau angeführt, darunter befanden sich etwa (Tafel)Silber und Silberlöffel, große und kleine Zinnschüsseln, Tischtücher und Tische. Darüber hinaus erhielt sie einmalig die Summe von 500 „phund phennig“, als Ablöse für ihren Heiratsbrief.
36.) Vgl. BASTL, Adeliger Lebenslauf (zit. Anm. 14), S. 379.
37.) OBERCHRISTL, Kefermarkt (zit. Anm. 13), S. 6f. „Item meiner liebn fraun Appolonia, herrn Weigkhartn von Polhaim gesessen zu Warttnburg säligen Tochter schaff ich das sy all mueterliche treu ermess und bedennkh meine kinder bey der erstn meiner elichen hausfraun fraun Margretn säligen geporn von Potendorff und zuvoran vor allen dingen mein und ire kinder die ich eelich bey ir hab, sovill an ir gesein mag und kann, ob sy den willen möchte haben wittib zubeleibn ob ich mit tod vor ir abgee, do got lanng vor sey, das sy dyselbn baiderlay meine kinder mueterlich bedennkh, so schaff ich ernnstlich mit allen meinenn kindern, das sy sy für ir mueter treulichen haltn und erkennen, so hat sy irverschreibung zu solhem irm beruebten leben und gemach iren wittib stuel auf meinem haus in der Freinstat unnd anngerpeundt im purckfrid daselbs gelegen nach allem irem fueg und gevallen des benanntn haus dy behaussung mit allen gemächen vor mänigklichen an meiner erbn irrung zenutzen, des sy nu nach inhalt ihres heyratsbriefs mein freundtn und irn freundtn pillich zuvoran mich angesehen vervollgen sol, ausdem irm heyratsbrief der meniger stugk gueter und zechennt nachhennt bey der Freinstat gelegn sind, dy man ir berueblich in ir haus anburtn mag; dartzue sol man ir anburtn ir zymlich wein für irn mund und für ain guetn irn gepornen freundt der sich zu zeitn zu ir möchte fuegn und dartzue ain suma gelts zu sannd Jorgntag und zu sannd Michelstag, alsdann dy leut um dy Freinstat gesessen zu den selbn zwain tägn statlich und auf schub diennen. Item das halspanndt mit ettue menig häfftlein, das sy bisher in irer gewaltt mir und ir zu eren tragn hat, schaff ich ob sy eehafft nott anstiess, das sy meinen und iren kindern eltern und jüngern das halbs auf das geleichlichist geschätzt wird, was das wird ist umb gelt abzulössen gebn sol und das selb gelt mag sy als dann zu der vorbenanntn irer eehafftn nott nutzn mänigklichs irrung und der annder halb tail des bemelten halspanndt sol an irrung herwider auf unnser baider kinder gefallen, vonn dann es komen ist, damit das halspanndt untzeryssen und ungetaillt bey meiner sunen ainem beleib mug. Item besunder hat sy ledige häfftl, dy sullen meiner hausfraun allain nachvolgen. Item ich schaff ir auch besonnder und des willen der lieb, so ich zu ir hab dadurch ir destweniger eehaffte nott erstenn müg fünff hundert phund phennig, dy sullen ir mein ellter zwenn sun dy zeit als vor antzogn ist dy gewer zum Weinperg haben aus meinem gewelb dartzue sy dann dy gewer im geschloss emphahen werden, als die rechtn mein natürlichen erben in ir gewaltsam freuntlich entrichtn, daentgegn ir heyratbrief nach laut der neuen beredung, so in ainer quotemer nach meinem abgannk durch unsser beder tail freundt ains mit dem annderm übergebn und freuntlich beschehen sol, weiter kainerlay irr zwischn inn ertenn müg und das mein geschäfft bey vollign krefftn beleib, das ist gänntzlich und aygenklich.
Item ich schaff ir auch besonnder und des willen der lieb, so ich zu ir hab dadurch ir destweniger eehaffte nott erstenn müg fünff hundert phund phennig, dy sullen ir mein ellter zwenn sun dy zeit als vor antzogn ist dy gewer zum Weinperg haben aus meinem gewelb dartzue sy dann dy gewer im geschloss emphahen werden, als dy rechtn mein natürlichen erben in ir gewaltsam freuntlich entrichtn, daentgegn ir heyratbrief nach laut der neuen beredung, so in ainer quotemer nach meinem abganngk durch unnser beder tail freundt ains mit dem annderm übergebn und freuntlich beschehen sol, weiter kainerlay irr zwischn inn ertenn müg und das mein geschäfft bey vollign krefftn beleib, das ist gänntzlich und aygenklich mein will.
Apollonia von Polheim war aufgrund der testamentarischen Vorsorge ihres Gatten hinlänglich abgesichert und konnte so auf die sichergestellte Mitgift zugunsten der Söhne verzichten. Der 1492 gerade zehnjährige Wilhelm erhielt wohl ein Viertel der Summe, das entspricht 375 Florentiner Gulden.
Eine der ersten Aufzeichnungen über das Leben Wilhelms von Zelking nach Erreichen seiner Volljährigkeit findet sich in WISSGRILLS handschriftlichem Manuskript: „1509 zog er in seiner Jugend, nebst seinem Bruder Wolfgang und mehr anderen vornehmen Landsmitglieder unter den Hilfsvölkern, welche die Österreichischen Stände dem Kaiser Maximiliano I. im Kriege wider die Venediger gestellt haben, zu Felde.“
Die österreichischen Länder hatten die größte Last des Venezianerkrieges zu tragen. Wie bei WIESFLECKER nachzulesen, erklärten sich die Stände nach mein will. Item ich schaff ir auch silber assich und silberloffel, das ir gepürlich zu prauhen ist vergoldts und unvergoldts ungeverlich zechenn markhsilber suar zu hausrat. Item ich schaff ir auch auf geordneter sechs person, dreu pett mit irn zugehörungen und sechs gemaine pett mit irn zugehörungen auf diennstleut, wenn sy albeg den jungen kindern muessen kochen zuetragn und sy als mueter versehe grosser erwachssen. Item ich schaff ir zechenn zynschüssl grösser und klainer, auch tischtuecher und tisch, sovil sy ir in meinem haus in der Freinstat zu den kynndern bedorff oder ob sy zum Weinperg beleibn wolt, das wär mir das liebist, so may sy mein begrebnuss erraichen untzt doch dy bericht in der quotemer enndt nymbt unnd alles begeenn verget, dartzue ich ir und irn junckhfraun schaff zu opher gelt und durch gotzwillen zu geben durch meiner sell haill willen zwayunddreyssigk phund phennig.“
38.) OBERCHRISTL, Kefermarkt (zit. Anm. 13), S. 7.
39.) WISSGRILL, Genealogische Collectanen (zit. Anm. 11), S. 76f.
langen Verhandlungen bereit „wenigstens ein reisiges Pferd und zwei Knechte und nur für vier Monate auf eigene Kosten ins Feld zu stellen […].“ Mit dieser Zusage war der Kaiser nicht zufrieden, deshalb hielt er getrennte Landtage in allen Ländern, um sie gegeneinander auszuspielen, hält WIESFLECKER weiter fest und ergänzt: „Die Niederösterreicher, denen der Kaiser auf dem Wiener Landtag (März 1509) 1000 Reiter und 1000 Knechte zugemutet hatte, schickten dann aber doch eine größere Truppenhilfe, wie sie es nachher nie mehr taten.“ Unter jenen 1000 Reitern der niederösterreichischen Stände die vom Frühsommer bis zum Herbst 1509 vier Monate lang den kaiserlichen Kriegszug unterstützten befanden sich die Brüder Wilhelm und Wolfgang von Zelking. Auf den mittlerweile 27-jährigen Wilhelm mag dieser Sommer einen bleibenden Eindruck hinterlassen haben.
Einerseits kam es für ihn, nach seinem vermuteten Studienaufenthalt in Bologna, nun wohl schon zur zweiten Begegnung mit Italien. Andererseits wirkte sicherlich auch das Vorbild des Kaisers auf den jungen Mann ein. Diese Vorbildwirkung der Person des Kaisers wie des Hoflebens auf den landständigen Adel soll in einem eigenen Kapitel näher besprochen werden.
In den Jahren bis zum Erreichen der Volljährigkeit der Söhne aus zweiter Ehe hatten die beiden älteren Brüder Hans und Veit die Geschäfte des Vaters weitergeführt. Auf die vier Söhne Christophs fielen erbweise die Feste Weinberg, die halbe Feste Zelking und die Festung Leonstein.
Im Jahr 1510 löste Kaiser Maximilian I. diese Besitzungen aus dem Lehensverband und übergab sie ihnen zusammen zu freiem Eigen.
KERN verzeichnet den Freibrief für den 7. April 1510, als Ort des Vertragsabschlusses wird
40.) H. WIESFLECKER, Kaiser Maximilian I.. Das Reich, Österreich und Europa an der Wende zur Neuzeit,
5, Wien 1986, S. 295.
41.) Ebenda, S. 295.
42.) Vgl. ZIBERMAYR, Die St. Wolfgangslegende (zit. Anm. 3), S. 85., nach: Orig. Schlossarchiv in Eferding
Augsburg angeführt. Somit entstand dieser Freibrief im Zuge des Augsburger Reichstages, zu dem Kaiser Maximilian die österreichischen Ständevertreter gerufen hatte, um mit ihnen über die Kriegssteuern im Venezianerkrieg zu verhandeln. Im Zuge der Verhandlungen versprach Maximilian keinerlei Anwartschaften auf heimfällige Güter und Lehen auszustellen und diese den rechtmäßigen Erben nicht zu entziehen. Österreich unter der Enns erhielt ein besonderes Libell und sein eigenes Landrecht zugestanden.
Über diese Besitzungen hinaus waren Christoph II. und seine Erben von Kaiser Friedrich zur Pflege des Schlosses Freistadt eingesetzt.
Bis zum Zeitpunkt der Erlangung der Volljährigkeit durch die beiden Jüngeren scheint eine genaue Abklärung der Besitzverhältnisse untereinander nicht notwendig gewesen zu sein. Im Jahr 1496 erwarb Hans von Zelking die Gewährschaft Sierndorf von Ludwig von Thüerbach.
Es gibt in Zusammenhang mit diesem Kauf auch anders lautende Aufzeichnungen, so soll nach Ignaz ZIBERMAYER bereits der Vater, Christoph von Zelking, Sierndorf erworben haben, er war allerdings zu diesem Zeitpunkt bereits
fünf Jahre tot. Hans erwarb in den kommenden Jahren weitere Dörfer nahe der Herrschaft Sierndorf: 1496 Zistersdorf (wohl heute Zissersdorf), 1497 Riegendorf (wohl heute Ringendorf), 1498 Leitzersdorf, 1499 Heützenthall (wohl heute Hautzental) und Spillern.
Am 8. Jänner 1504 wurde ein erster Versuch einer Erbeinigung vorgenommen. Ein Jahr später, am 12. Februar 1505, Wilhelm hatte bereits das 23. Lebensjahr erreicht, kam es zwischen den vier Brüdern zur vorläufigen Aufteilung der Besitzungen in
43.) Vgl. KERN, Regesten (zit. Anm. 1), S. 198.
44.) Vgl. H. WIESFLECKER, Österreich im Zeitalter Maximilians I.. Die Vereinigung der Länder zum frühmodernen Staat. Der Aufstieg zur Weltmacht, München 1999, S. 60.
45.) Vgl. KERN, Regesten (zit. Anm.1), S. 196.
46.) Vgl. Ebenda, S. 197.
47.) Vgl. I. ZIBERMAYER, Die Wolfgangslegende. Michael Pachers Vertrag über die Anfertigung des Altares in der Kirche zu St. Wolfgang, in: Mitteilungen des Institutes österreichischer Geschichtsforschung, XXXIII, Heft 3, ohne Seitenangabe.
48.) Vgl. KERN, Regesten (zit. Anm.1), S. 197.
Weinberg, Zelking und Sierndorf. Doch weitere Verhandlungen scheinen notwendig gewesen zu sein, um eine endgültige Einigung zu erzielen. Das Inventar nennt einen nochmaligen Teilungsvertrag für den 20. Februar 1506.
Ein weiteres Theillibell zur Einigung über Zelking, Weinberg, Sierndorf und Leonstein notiert KERN für das Jahr 1510. Es ist dies das Jahr der Loslösung der väterlichen Güter vom Lehensband durch Kaiser Maximilian.
Die mit dem freien Eigen einhergehenden Rechte und Einnahmequellen für die jeweiligen Grundherren könnten ein Motivationsgrund für den Versuch einer endgültigen Erbteilung sein. Über den Inhalt dieser Verträge gibt das Inventar leider keinen Aufschluss. Das endgültige Verhandlungsergebnis muss über andere Dokumente erschlossen werden. So wird der am 23. Dezember 1513 durch Kaiser Maximilian abgefasste Lehensbrief „um die Feste Grafendorf cum appertinentiis sammt anderen Gülten zur Herrschaft Sierndorf gehörig“ auf Wilhelm und Wolfgang ausgestellt.
Die beidenjüngeren Brüder hatten also vorerst die Herrschaft über Sierndorf gemeinsam inne. Da ihnen, wie bereits zur Kenntnis gebracht, im Testament des Vaters ursprünglich die Ausbildung zum Priester beziehungsweise zum Hofmann angedacht worden war, ist diese geteilte Herrschaft bereits als immense Verbesserung ihrer Lebensumstände anzusehen. Die sich über mehrere Jahre hinziehenden Verhandlungen legen nahe, dass es zu größeren Differenzen bei der Aufteilung gekommen war. Ein weiteres Indiz dafür ist folgendes Dokument vom 11. September 1511:
Vertrag und aufgerichtete Ordnung zwischen den Herrn Hans, Veit, Wilhelm und Wolfgang von Zelking Brüdern, wegen aus der Erbeinigung vom 8.
49.) Vgl. Ebenda, S. 197.
50.) Vgl. Ebenda, S. 198.
51.) Vgl. Ebenda S. 198.
52.) Khainach/ Peckhouen, Inventarium (zit. Anm. 2).
53.) Vgl. Kern, Regesten (zit. Anm.1), S. 198.
Jänner 1504 (zu Linz aufgerichtet) entstandenen Irrungen und Streitigkeiten durch Herrn Hans von Puchmeimb zu Herrn Landmarschallen in Oesterr. unter der Enns , Herrn Georgen von Rottall Freiherrn zu Talberg, und Herrn Sigmund und Hansen von Lamberg Ritter.
Es geht nicht eindeutig aus den überlieferten Dokumenten hervor, zu welchem Zeitpunkt und unter welchen Bedingungen Wilhelm die alleinige Gewalt über die Herrschaft Sierndorf erlangte. Allerdings nennt STARKENFELS weitere Vereinbarungen, die Rückschlüsse auf die Umstände der Güterteilung zulassen: „Ein späteres Übereinkommen brachte den Veit in den Besitz von Grafendorf, der hiermit durch König Ferdinand am 19. März 1520 belehnt wurde, während Wolf zu Feste Zelking gelangte.“
Es ist anzunehmen, dass mit Wolfs Übernahme der Feste Zelking sein Anspruch auf Sierndorf erlosch. Der Zeitraum ist einzuschränken auf nach 1513, dem Jahr der Belehnung Wilhelms und Wolfgangs durch Kaiser Maximilian, und vor 1518.
STARKENFELS nennt den 16. Dezember 1518 als Sterbetag Wolfs. Dieses Datum lässt sich nicht durch die Aufzeichnungen im Inventarium bestätigen, hier bleibt der Tod des jüngsten der vier Gebrüder ungenannt, lediglich der Tag der Errichtung seines Testaments wird mit dem 27. April 1517 festgehalten. Somit wäre Wilhelm spätestens mit dem Tod des Bruders im Jahr 1518 alleiniger Herr über Sierndorf.
Nach Abschluss der Erbteilungen im Jahr 1510 verfügte Wilhelm erstmals über die für eine Heirat unabdingbare ökonomische Unabhängigkeit. Vorerst teilten die beiden jüngeren Brüder die Herrschaft Sierndorf zwar untereinander. Doch auch unter Bedachtnahme des Prinzips, dass das Zusammenleben zweier verheirateter Paare unter einem Dach auszuschließen
54.) KERN, Regesten (zit. Anm. 1). S. 198.
55.) STARKENFELS, Adel (zit. Anm. 9), S. 688.
56.) Ebenda, S. 688.
57.) KERN, Regesten (zit. Anm. 1), S. 199.
sei, hatte Wilhelm wohl nun in punkto Heirat das Vorrecht des Älteren.
Ingesamt ist anzumerken, dass das Ergebnis der jahrelangen Erbstreitigkeiten jedem Einzelnen der vier Söhne des Christoph von Zelking eine derart abgesicherte wirtschaftliche Basis einbrachte, dass einer Eheschließung nichts im Wege stand.
Der zweitälteste Veit trat 1505 in den Stand der Ehe, der drittälteste Wilhelm heiratete noch vor dem erstgeborenen Hans, der seine Magdalena von Pern erst 1514 zur Frau nahm, zuletzt vermählte sich der viertgeborene Wolf im Jahr 1517.
Die von Wilhelm von Zelking zur Ehe auserkorene Dame war Margaretha von Sandizell, die Tochter des Hochprand von Sandizell und der Magdalena Kässler. Die im zur Diözese Augsburg gehörigen Schloss Sandizell in Oberbayern aufgewachsene junge Frau verlor im Jahr 1502 beide Elternteile. 1507 wurde das väterliche und mütterliche Erbgut vertraglich geregelt.
Margaretha dürfte die Zeit bis zum Erreichen ihrer Volljährigkeit als Hofdamenfrauenzimmer am Kaiserhof zugebracht haben, von wo sie Wilhelm von Zelking am 22. Jänner 1511 in ihrem 18. Lebensjahr zur Gattin nahm. Die zweite Gemahlin Kaiser Maximilan I., Kaiserin Bianca Maria, lebte mit ihrem kleinen Hofstaat in Innsbruck. Darunter waren etwa 30 Hofdamen verschiedenen Standes, nach WISSGRILLS Aufzeichnungen war Margaretha wohl eine davon.
Somit kann davon ausgegangen werden, dass Wilhelm seine spätere Gemahlin bei einem Aufenthalt in der Stadt Innsbruck kennenlernte.
Laut WIESFLECKERS Ausführungen unterstütze Maximilian die zeitgerechte Ausheirat der Damen des Frauenzimmers: „Sie vergäßen
58.) Vgl. BASTL, Adeliger Lebenslauf (zit. Anm. 14), S. 377.
59.) Vgl. STARKENFELS, Adel (zit. Anm.9), S. 688f.
60.) Vgl. B. EULER-ROLLE u.a., Schloss Weinberg im Land ob der Enns, München 1991, S. 44.
61.) Vgl. KERN, Regesten (zit. Anm. 1), S. 198.
62.) Vgl. WISSGRILL, Genealogische Collectanen (zit. Anm. 11), S. 77.
63.) WIESFLECKER, Österreich (zit. Anm. 44), S. 278.
sonst auf das Heiraten; es entstehe ein Hof aus alten Weibern, welche für die Ehe nicht mehr zu gebrauchen seien …“
1513, zwei Jahre nach der Eheschließung unterzeichnete Wilhelm von Zelking seiner Gemahlin Margaretha von Sandizell einen Vermachtsbrief.
Die Ehe der beiden war mit großem Kinderreichtum gesegnet. Wilhelm verzeichnete die Namen und Geburtsdaten seiner Nachkommen eigenhändig. Von 1512 bis 1534 schenkte Margaretha insgesamt 16 Kindern das Leben. Zwei starben noch in ihrem ersten Lebensjahr, nur die Hälfte sollte den Vater überleben. Wie die Datierungen an den Ausstattungsstücken der Schlosskapelle belegen, widmete er die auf seine Eheschließung und Familiengründung folgenden Jahre der Umgestaltung und dem teilweisen Neubau der Sierndorfer Schlossanlage. Trotz der generell guten Quellenlage hat sich im Bezug auf die Bauarbeiten lediglich die Erwähnung eines einzigen Stiftsbriefes aus dem Jahr 1518 erhalten: „Ein pergamener Stiftsbrief zum Gotteshause im Schlosse Sierndorf von Frau Anna, Herrn Hansen von Kuenring gelassen Wittib.“ Es war die kinderlose Schwester des Schlossherrn die diese Stiftung vornahm. Eine ausführliche Auseinandersetzung mit der Neugestaltung des Kapellenraumes erfolgt im Unterkapitel Baugeschichte.
Wilhelm sollte in den folgenden Jahren bei Hof eine beachtliche Karriere machen. 1521 wurde er von Kaiser Karl V. bei der kaiserlichen Krönung zu Aachen zum Ritter geschlagen. Er wurde Hauptmann zu Hainburg und der
64.) WIESFLECKER, Kaiser Maximilian (zit. Anm. 40), S. 390.
65.) Vgl. KERN, Regesten (zit. Anm. 1), S. 198.
66.) Ebenda, S. 195.
67.) Ebenda, S. 199. Ein und dieselbe Stiftung wurde auch unter ihrem ledigen Namen Anna von Zelking verzeichnet: „Mer ein pergamener Ordnungsbrief, so von Frauen Anna von Zelking zu dem Gotteshaus Sierndorf ist gestiftet worden.“ Die beiden Aufzeichnungen tragen sogar dieselbe Inventarnummer.
römisch königlichen Majestät geheimer Rat. 1530 war er unter den Depurtierten des Herrenstandes, welche die Niederösterreichischen Landesstände zu Erzherzog Ferdinand nach Linz sandten. Schließlich erlangte er den Posten des Obristhofmeisters der verwitweten Königin Maria von Ungarn und nahm in dieser Funktion am Augsburger Reichstag von 1530 teil. Eine seiner amtlichen Reisen ist durch einen Eintrag in die Geburtenliste seiner Kinder besonders hervorgehoben. 1531 begleitete er Maria von Ungarn und Böhmen in die Niederlande. Seine hochschwangere Gemahlin reiste mit ihm und gebar am 9. Juli in Brüssel den zweitjüngsten Sohn Carl Ludweig. Es war üblich die Taufe möglichst bald nach der Geburt zu feiern, denn man war davon überzeugt, dass das Kind erst durch den Erhalte des Sakramentes in ein gottgefälliges Leben eintritt. Trotzdem versuchte man das Fest aufwendig zu gestalten und möglichst prominente Paten zu gewinnen. Ein standesgemäßer Pate bedeutete nicht nur ausgewählte Taufgeschenke, sondern konnte ein Leben lang schützend die Hand über das Kind halten und ihm helfend und korrigierend zur Seite stehen.
Für Carl Ludweig konnten niemand geringerer als Kaiser Karl V. selbst und seine Schwester Königin Maria als Paten gewonnen werden.

 
Kaiser Karl V.
 
 

Abbild vom
Kaiser Karl V. (auf belgischer Briefmarke)
 
 
Diese namhaften Schirmherren sind die einzigen Paten die Wilhelm namentlich in seinem Verzeichnis nennt. Ihre Bereitschaft die Patenschaft zu übernehmen, spricht für den Status den Wilhelm von Zelking zu diesem Zeitpunkt bereits erreicht hatte.
Das Verzeichnis der Lebensdaten der Söhne und Töchter endet mit dem Eintrag des Sterbedatums Wilhelms von Zelking: Ist gestorben mein lieber
68.) Vgl. WISSGRILL, Genealogische Collectanen (zit. Anm. 11), S. 76.
69.) Vgl. KERN, Regesten (zit. Anm. 1), S. 201.
70.) Vgl. BASTL, Adeliger Lebenslauf (zit. Anm.14), S. 382f.
71.) Vgl. KERN, Regesten (zit. Anm. 1), S. 195.
Herr seliger den dritten Tag nach Marie Himmelfahrt im xli. Jar. Seine letzte Ruhestätte fand der Zelkinger in der Wiener Minoritenkirche. Der ihm zu Ehren aufgerichtete Grabstein trug die Inschrift:
Am Pfingsttag nach Maria Himmelfahrt im Jahr 1541 starb der wohlgeborene Herr Wilhelm von Zelking zu Sierndorf etc: der Römisch. Königl. Majestät Rath und Hauptmann zu Hainburg, dem Gott gnnad, der diese Begräbniß für ihn und all sein Geschlecht und Nachkommen, welche hier ihr Begräbniß haben wollen aufgerichtet.
72.) Ebenda, S. 195.
73.) Vgl. WISSGRILL, Genealogische Collectanen (zit. Anm. 11), S. 77.

3. Beschreibung des Schlossumbaus unter Wilhelm von Zelking
 
3.1. Baugeschichte
Der Ort Sierndorf wird 1282 erstmals als Syrndorf urkundlich erwähnt. Das Schloss geht auf die Herren von Sierndorf, die über drei Generationen die Ortsgeschichte prägten zurück. Die Schlosskapelle Sierndorf und somit auch das Schloss Sierndorf werden erstmals in einem Messestiftsbrief des Jahres 1313 urkundlich belegt. Eine Stiftung des Siegfried von Sierndorf, sowie seiner Gattin Katharina und deren Kindern Konrad und Elsbeth erfolgte zugunsten des „unser Frauen-Gotteshauses zu Sierndorf“. Anhand des genannten Patroziniums ist auszuschließen, dass sich die Stiftung auf die bis ins Jahr 1783, auf dem Gebiet des heute noch bestehenden Friedhofes, befindliche Pfarrkirche bezog. Diese war nämlich dem hl. Johannes Baptist geweiht, die Schlosskapelle jedoch der Gottesmutter. 1313 bestanden demnach in Sierndorf sowohl das Schloss, als auch die Schlosskapelle.
Der Priester und Heimatforscher Karl KECK bemühte sich darum, die wechselhaften Besitzverhältnisse in der Geschichte des Sierndorfer Schlosses nachzuvollziehen und veröffentlichte seine Studien 1933 in einem Artikel des Neuen Wochenblattes.
Für die Zeitspanne bis zum Erwerb der Herrschaft
74.) Vgl. A. BECKER, Heimatkunde von NÖ, Bd. 2, Wien 1925 S. 25.
75.) K. KECK, Heimatbuch des politisches Bezirkes Korneuburg. Gerichtsbezirke Korneuburg und Stockerau, 1, Korneuburg 1957, S. 472.
76.) Vgl. NÖLA, Privaturkunden 86.
77.) Vgl. K. KECK, Die Schlosspfarrkirche Mariä Geburt und die alte Pfarrkirche zum hl. Johannes dem Täufer zu Sierndorf, in: Unsere Heimat, 9, Wien 1936, S. 357
362.
78.) K. KECK, Sierndorf. Gewidmet den Teilnehmern am Ausflug des Vereines für Landeskunde und Heimatschutz in Niederösterreich, in: Neues Wochenblatt, o. O. 14. Oktober 1933. Mit Konrads Sohn Leopold, der vor 1379 verstorben ist, erlosch das Geschlecht (der Sierndorfer) und die Kinder von Leopolds Schwestern, deren eine mit Albero von Sunberg, deren andere mit Hans von Kaja vermählt waren, erbten und teilten das reiche Gut.
Die westliche Hälfte mit dem Herrschaftssitze Unterparschenbrunn und dem Kirchenlehen von Oberhautzenthal fiel den Sunnbergern zu, die ihn 1379 an die Dossen weitergaben. Wie die andere Hälfte in die Hände der Floit, die Sierndorf 1376 besitzen, kam ist unbekannt. … Um 1400 war die reiche Wiener Bürgerfamilie der Tirna im Besitze der Feste Sierndorf und als Patronatsinhaberin der Pfarrkirche. 1490 fällt Sierndorf durch kaiserliche Belehnung Paul Hundshaimer Sierndorf durch die Zelkinger gibt es keinerlei Aufzeichnungen über eventuell stattfindende Bautätigkeiten. Wilhelm von Zelkings Engagement für die
Neugestaltung der Herrschaft Sierndorf war wohl sehr umfassend. Schriftliche Belege für von ihm getätigte Aufträge haben sich bis in die heutige Zeit leider ebenfalls nicht erhalten. Allerdings lässt eine eingehende Betrachtung des überlieferten Kunstschatzes, kombiniert mit den an den Ausstattungstücken angebrachten Datierungen, eindeutige Rückschlüsse auf den Bauherrn Wilhelm von Zelking und seine Zeit zu.
Die wohl älteste erhaltene Abbildung der Sierndorfer Schlossanlage ist der mit 1672 datierte Kupferstich des Georg Matthäus VISCHER79.
VISCHER zeigt das Schloss umgeben von Wall und Graben, die vier Ecken des Walles werden durch kreisrund hervortretende Bastionen verstärkt. Eine über den Graben führende Brücke und ein stark befestigtes Tor markieren den Eingang. Hinter diesem Befestigungswerk erhebt sich eine regelmäßige, vierflügelige Anlage in drei Geschoßen. Die Nordostecke des Baus wird durch einen schräg gestellten hervorspringenden Baukörper betont. Ein Turm mit krönender Statuette kennzeichnet die Lage der Schlosskapelle im linken vorderen Trakt.
Unabhängig vom Wahrheitsgehalt der Vischerschen Kupferstiche muss man sich vor Augen führen, dass diese Abbildung etwa eineinhalb Jahrhunderte nach dem Wirken Wilhelm von Zelkings und über drei Jahrhunderte vor der heutigen Zeit entstand. Über den tatsächlichen Umfang der Aufträge des Zelkingers kann der Stich daher keine Auskunft geben. Die vollständige Neugestaltung der Kapelle in den Jahren nach 1500, sowohl im Bereich der zu, dessen Familie es von den Tirna im Falle Abganges ohne männliche Erben vermacht worden war. Eine Zeit lang war auch Christoph der Malzkasten, der die Witwe eines Tirnas ehelichte Mitbesitzer; er kaufte 1481 das nahe Dorf Zissersdorf ganz auf. Mit den Zelkingern, die Sierndorf um 1500 erwarben, beginnt für Sierndorf die Glanzzeit.
79.) Vgl. J. A. SCHULLER (Hg.), Topographia Archiducatus Austriae inferioris modernae. G. M. Vischer, Graz 1976, S. 345/80.
Architektur als auch bei der Innenausstattung, ist aufgrund des guten Erhaltungszustandes bis heute nachweisbar. Inwieweit Wilhelm von Zelking auch die übrigen Bereiche des Schlosses erneuern ließ, ist durch reine Stilanalyse aufgrund zahlreicher späterer Umbauten nur schwer klärbar und wäre Inhalt einer eigenen ausführlichen Befassung. Nichts desto trotz legen die im Kapitel 6.3.1. besprochenen Entwicklungen in der adeligen Baukunst nach 1500 eine Erneuerung der gesamten Anlage nahe. So war die Umgestaltung der mittelalterlichen, stark befestigten Burgen und Schlösser zu repräsentativen Landsitzen eine der Hauptaufgaben des adeligen Bauens. Vor allem auch spielten die Bequemlichkeit und die Wohnlichkeit der Räume eine große Rolle, was auf eine entsprechende Umgestaltung des Wohntraktes hinweist. Der gut situierte und gebildete Adelige, als den man Wilhelm beim Studium seines Lebenslaufes kennenlernt, wird dieser Entwicklung wohl Rechnung getragen haben. Sein noch näher zu besprechender feiner Kleidungsstil und der wertvolle Schmuck, den er und seine Frau tragen, lassen ebenfalls auf eine zeitgemäße Wohnkultur schließen.
Eva BERGER schätzt in ihrem Beitrag zum Ausstellungskatalog „Adel im Wandel“ die Bauvorhaben Wilhelms von Zelking folgendermaßen ein: „Als beliebter Bautypus für Neubauten auch anstelle älterer Vorgängerbauten wird während des 16. und 17. Jahrhunderts die Kastellform gewählt. Noch unregelmäßig, auf älteren Grundmauern errichtet wird nach 1516 unter Wilhelm von Zelking das ehemalige Wasserschloss Sierndorf.“ Die angesprochene Kastellform wird einerseits durch den VISCHERSCHEN Stich belegt, andererseits haben sich im Kern der Anlage bis heute teilweise die mittelalterlichen Grundmauern und die geböschten Außenmauern erhalten. Sie erlauben den Schluss auf die unregelmäßige Kastellform der
80.) E. BERGER, Adelige Baukunst, Adelige Baukunst im 16. und 17. Jahrhundert, in: Ausst. Kat., Adel im Wandel, Rosenburg 1990, S. 120.
mittelalterlichen Anlage.  Die Datierung des Umbaus auf das Jahr 1516 ist allerdings als unzureichend anzusehen. Datierungen an der evangelienseitigen Empore der Kapelle weisen auf das Jahr 1516 hin, die baulichen Maßnahmen müssen dementsprechend in den Jahren zuvor erfolgt sein. 1516 kennzeichnet somit wohl den Abschluss der baulichen Tätigkeiten, die in den Jahren zuvor stattgefunden haben. Theoretisch möglich wäre ein Beginn der Arbeiten ab der Übernahme der Herrschaft durch Wilhelm von Zelking im Jahr 1505. Bedenkt man jedoch die Erbstreitigkeiten der folgenden Jahre, so erscheint ein späterer Zeitpunkt eher plausibel. Die vollständige ökonomische Unabhängigkeit des Bauherrn ist spätestens mit 1511, dem Jahr seiner Eheschließung, anzusetzen. Diese Schlussfolgerungen stimmen mit der erstmals bei Karl KECK vorgenommenen Datierung des
Baus in die Zeit von 1511 bis 1516 überein, die fortan gerne übernommen wurde. KECK notierte „Um 1511 wurde sie [die Schlosskapelle] in die jetzige Gestalt gebracht und 1516 bzw. 1518 mit ihrem einzigartigem Innenschmucke, den beiden Emporen, dem Hochaltare und dem Taufsteine versehen.“
Den deutlichsten Unterschied der heutigen Schlossanlage zum VISCHERSCHEN Stich markiert das Fehlen der schützenden Erdwerke.
Bis ins Jahr 1846 war das Schloss von Wällen umgeben.

 

Sierndorf
Abbildung von Georg Matthaeus Vischer Topographia Austriae inferoris 1672
(© Archiv Verlag, Reprint 2004)

Der einschiffige Saalraum der Schlosskapelle im Südosten der Anlage hat sich bis heute erhalten, im Laufe der Jahrhunderte kam es jedoch zu zahlreichen Eingriffen in die Bausubstanz. In der VISCHERSCHEN Ansicht wird die Lage der Kapelle nach außen hin durch einen Turm gekennzeichnet.

81.) Vgl. W. BUCHOWIECKI, die gotischen Kirchen in Österreich, Wien 1952, S. 392.
82.) K. KECK, Schloss-Pfarrkirche „Maria-Geburt“ zu Sierndorf an der Nordwestbahn, Stockerau 1936, S. 1.
83.) Vgl. K. KECK, Heimatbuch (zit. Anm. 66), S. 475. nach dem 1945 verschollenen Manuskript des Schuldirektors Anton SCHWARZ.
Dieser musste 1878 wegen Baufälligkeit geschliffen werden.

Eine historische Fotografie des 19. Jahrhunderts zeigt die Wirkung des Baus mit bestehender Turmanlage. Hier fehlt allerdings bereits die bekrönende Marienstatue. Im Unterschied zum heutigen Erscheinungsbild unterscheiden sich bei VISCHER die Fenster jenes Traktes, hinter dem sich die Kapelle verbirgt, nicht von jenen am übrigen Bau. Im Zuge der 1896 stattfindenden Gesamtrestaurierung unter der Leitung des Regierungsrates Camillo Sitte kamen die auf der Epistelseite aufgefundenen Maßwerkfenster auf die Ostseite.
Heute kennzeichnen diese vier zweibahnigen Fenster den Standort der Kirche nach außen hin. Auf einer weiteren historischen Aufnahme, einen Einblick in den Altarraum zeigend, ist, in die Südwand hinter dem Hochaltar eingelassen, deutlich ein hochrechteckiges durch Sprossen unterteiltes Fenster erkennbar. Diese Fensterform könnte einen Anhaltspunkt für das Aussehen der Ostfassade vor der Renovierung 1896 geben. Dass auch die Ostfassade bereits vor der Neugestaltung 1896 Fensteröffnungen aufwies, belegt – über den VISCHERSCHEN Stich hinaus – die vorliegende Fotografie. Am linken Bildrand, wird die Fensterlaibung des vordersten Fensters der Ostwand angeschnitten, die Form der Laibung entspricht derer des Fensters im Chorraum. Datierbar ist diese Aufnahme in die Jahre nach der Wiederentdeckung des Hochaltares durch SACKEN 1881.
Während des vorangehenden Jahrhunderts war der, hier mit geöffneten Seitenflügeln präsentierte, Altar hinter einem barocken Holzverbau verborgen. Da der endgültige Rückbau des Altares erst unter der Leitung von Camillo SITTE
84.) Vgl. K. KECK, Die Schlosskirche Maria-Geburt und die alte Pfarrkirche zum hl. Johannes dem Täufer zu Sierndorf, In: Beiträge zur Wiener Diözesangeschichte, 3, Wien 1977, S. 29.
85.) Eine handschriftliche Notiz im Nachlass des Pfarrers Karl KECK, aufbewahrt im Archiv der Erzdiözese Wien, gibt dazu folgenden Hinweis: Die Madonna vom abgerissenen Kirchturm befindet sich nun im Schloss Mooskam in der Steiermark.
86.) Vgl. KECK, Die Schlosskirche (zit. Anm. 75), S. 29.
1898 erfolgte, liegt die Vermutung nahe, dass dieses Foto im Zuge der Restaurierungsarbeiten, nach Öffnung des Altares, jedoch vor dem Umbau der Fenster entstand. Die Restaurierung von 1896 war aufgrund des schadhaften Deckengewölbes notwendig geworden. Vor der Restaurierung wurde der Saalraum von einem in vier Joche unterteilten Netzrippengewölbe überspannt. Aus baustatischen Gründen erhöhte Maurermeister Holdhaus aus Stockerau das Gewölbe um einen halben Meter. Im VISCHERSCHEN Stich bilden Dachfirst von Kapelle und Schloss eine einzige durchgehende Linie, heute gibt es einen deutlichen Niveauunterschied. Allerdings bestand dieser Unterschied bereits vor 1878, wie die Abbildung des Schlosses vor Abbruch des Turmes zeigt.
Eventuell hat es sich auch bei dem schadhaft gewordenen Gewölbe nicht um die ursprüngliche Deckengestaltung gehandelt. SACKEN verfasste seine Beschreibung der Schlosskapelle im Jahr 1881, also über ein Jahrzehnt vor der Generalsanierung durch Camillo SITTE und erkannte schon damals Unstimmigkeiten im Gesamtkonzept: „Die Rippen der zusammengesetzten Kreuzgewölbe ohne Schlusssteine korrespondieren nicht mit den Halbsäulen, sondern steigen aus den Hohlkehlen zwischen diesen auf, welche zu diesem Zwecke konsolenartige, flache Träger haben; sie sind mager, gratig profiliert und die Gewölbe gehören vielleicht einer späteren Restauration an.“
87.) Vgl. C. SITTE, Notizen: Sierndorf, in: Monatsblatt des Altertumsvereines zu Wien, 10, 13, Wien 1896, S. 75.
88.) Diözesanarchiv des Erzbischöflichen Ordinariates Wien, Am 9. Juli 1896 schrieb Sierndorfs Pfarrer Franz Kratochwill an das Ordinariat: In der Pfarrkirche Sierndorf ist das Deckgewölbe derart schadhaft geworden, dass eine Neuherstellung dringend notwendig ist. Der Patron der Kirche Herr Franz Graf zu Colloredo – Mannsfeld will auf seine Kosten durch den Architekten Regierungsrat Camillo Sitte in Wien das Gewölbe in entsprechender Weise neu herstellen und bei dieser Gelegenheit auch das Innere der Kirche einer vollständigen Renovierung unterziehen lassen.
Vgl. C. SITTE, Notizen: Sierndorf, in: Monatsblatt des Altertumsvereines zu Wien, 10, 13, Wien 1896, S. 75. und Vgl. C. SITTE, Notizen: Sierndorf, in: Monatsblatt des Altertumsvereines zu Wien, 1, 14, Wien 1897, S. 90.
89.) Vgl. KECK, Schlosspfarrkirche, (zit. Anm. 77), S. 359.
90.) E. SACKEN, Über einige wenig bekannte Kunstdenkmale des späten Mittelalters und der Früh-Renaissance in Niederösterreich, in: Berichte und Mitteilungen des Altertumsvereines zu Wien, 20, Wien 1881, S. 119.
Der Chorabschluss ist dreiseitig, außen aber flach. An den Längsmauern befinden sich je drei Wandpfeiler jeder in Form eines halben Achtecks die das Gewölbe tragen. Die Kanten der Pfeiler sind mit je vier Halbsäulchen besetzt, welche eine gemeinschaftliche Basis besitzen. Ein oberer Abschluss durch Kapitelle fehlt gänzlich, die Halbsäulchen sind lediglich durch den hervortretenden Mauerkörper verbunden. So erscheinen die einzelnen Felder des Polygons wie lang gezogene Rahmen.
Ursprünglich war der Kapellenraum nur von der Hofseite aus betretbar.
Noch bis ins Jahr 1997 öffneten sich zwei Durchgänge zum Hof hin. Ein schulterbogiges, verstäbtes Portal führt vom Altarraum aus in die heutige Sakristei, wo eine weitere Tür den Zugang zum Hof ermöglichte.
Da die Anräume im Westen aus einer späteren Bauphase stammen, gelangte man um 1500 wohl direkt in den Schlosshof. Seit dem Einbau einer Toiletteanlage 1997 ist dieser Durchgang verschlossen. Das zweite, profilierte Portal, wird über einen kurzen Gang im Nordwesten der Kirche erreicht und verbindet die Kapelle direkt mit dem Schlosshof. Diese sehr privaten Zugänge entsprechen der vom Bauherrn intendierten Nutzung der Schlosskapelle als reine Privatkapelle. Lediglich Familienmitgliedern, Angehörigen des Haushaltes und Gästen des Hauses war das Betreten dieses Sakralraumes somit gestattet beziehungsweise möglich. Die Untertanen feierten ihre Gottesdienste in der nur wenige hundert Meter entfernten Johanneskirche, die mitten im Ort auf dem Gelände des heutigen Friedhofes stand. Erst über zwei Jahrhunderte nach dem Tod des Zelkingers wurden 1783 die Pfarrrechte auf die Schlosskapelle übertragen. Ebenfalls ins 18.
91.) Vgl. L. SCHULTES, Meister des Töpferaltares (Sebastian Kriechbaum?). Wilhelm von Zelking und Margaretha von Sandizell, in: A. Rosenauer (Hg.), Geschichte der bildenden Kunst in Österreich. Spätmittelalter und Renaissance, III, München 2003, S. 353.
92.) Grundriss BDA sh.
93.) Vgl. KECK, Schlosspfarrkirche Mariä-Geburt(zit. Anm. 77), S. 361.
Jahrhundert zu datieren ist die einzige Öffnung der Schlosskapelle nach außen hin, ein spätbarockes Flachbogenportal.
Somit unterlag die sich nach außen hin öffnende Südfassade im Laufe der Jahrhunderte einer kompletten Umgestaltung. Die heutige Außenansicht mit Portal und vier Maßwerkfenstern divergiert deutlich vom Zustand des 16. und 17. Jahrhunderts, bei dem sich die Fassade der Schlosskapelle, nach den Angaben im VISCHERSCHEN Stich, nicht vom übrigen Bau abhob. An die Stelle des ehemaligen Turmes an der Südostkante trat ein geböschter Strebepfeiler. Im Inneren konnte die alte Wendeltreppe des Turmes erhalten bleiben. Diese wird über ein schmales Portal im Altarraum betreten.

3.2. Die Choremporen 

An den schrägen Abschlusswänden des Chorpolygons weisen sowohl auf der Evangelienseite als auch auf der Epistelseite offene Emporen in den Saalraum hinein. Die Empore an der Evangelienseite kann über die Treppe des ehemaligen Südostturmes erreicht werden, die Empore an der Epistelseite wird über den angrenzenden Südtrakt erschlossen. Beide Emporen ruhen auf reich gegliederten und in ihrer Gestaltung deckungsgleichen Kragsteinen. Ein mittig angeordnetes, vertikal verlaufendes steinernes Band teilt die jeweilige Schaufront der Konsole in zwei Felder. In jedem dieser Felder sind zwei in die Länge gezogene Fischblasen gegengleich, sowie leicht versetzt übereinander angeordnet. Das linke Feld stellt ein Spiegelbild des rechten dar wie auch umgekehrt. Jede der Schmalseiten wird von zwei weiteren lang gezogenen Fischblasen gebildet, die wie Blütenkelche von unten nach oben aufstreben.
Walter BUCHOWIECKI beschreibt diese Gliederungselemente als „lappenförmige Rippenanläufe, die ein wenig an die Bildung des Orgelfußes in St. Stephan in Wien erinnern.“
Tatsächlich lassen vor allem die aufstrebenden seitlichen Rippenkonfigurationen an die tief herabreichenden, trichterförmigen Gewölbeanfänge an Pilgrams Orgelfuß denken, die Günter BRUCHER mit der Form von Tennisschlägern zu umschreiben versucht hat. Diente für die Gestaltung der Kragsteine Pilgrams Orgelfuß von 1513 als Inspirationsquelle, so ist das Vorbild für die Oberflächengestaltung der Seitenteile der Emporen in einem weiteren Werk aus dem Umkreis des Brünner Meisters zu suchen. „Einander durchdringende Zirkelschläge ergeben hier verknüpfte Kreise oder, je nach Lesart, vierteilige Schleifensterne“, so beschreibt BRUCHER das Maßwerk.
Diese geometrischen Konstruktionen verweisen eindeutig auf die Zeichnung Ak. 16981 aus dem Planarchiv der Wiener Dombauhütte, einen Riss, den Rupert FEUCHTMÜLLER 1951 Meister Anton Pilgram zuschrieb und der ehemaligen Durchfahrtshalle des ehemaligen niederösterreichischen Landhauses in Herrengasse zuordnet.
FEUCHTMÜLLER weist erstmals auf die mit diesem Riss übereinstimmenden Gestaltungsmotive an den Sierndorfer Emporen hin. Sind seit Goetz FEHRS Befassung 1961 auch FEUCHTMÜLLERS Zuschreibung der Durchfahrtshalle an Pilgram, wie auch die durch ihn vorgenommene Datierung derselben in die Jahre 1513
1516 in Zweifel gezogen, so können die Übereinstimmungen bei der Gestaltung der Gewölbe des ehemaligen Landhauses mit der bei den Sierndorfer Emporen nicht geleugnet werden. Die einzige Abweichung der Sierndorfer Zirkelformationen von der
94.) BUCHOWIECKI, Die gotischen Kirchen (zit. Anm. 81), S. 392.
95.) Vgl. G. BRUCHER, Architektur von 1430 bis 1530, in: A. ROSENAUER (Hg.), Geschichte der bildenden Kunst in Österreich. Spätmittelalter und Renaissance, 3, München 2003, S. 207.
96.) Ebenda, S.205.
97.) Vgl. R. FEUCHTMÜLLER, Spätgotische Architektur und Anton Pilgram. Gedanken zu neuen Forschungen, Wien 1951, S. 18f.
98.) Vgl. G. FEHR, Benedikt Ried. Ein deutscher Baumeister zwischen Gotik und Renaissance in Böhmen, München 1961, S. 106.
vorliegenden Planzeichnung ist deren Gliederung in einzelne Felder. So umfasst die Schaufront der epistelseitigen Empore vier Felder, die Seitenteile sind in je zwei Abschnitte unterteilt. Jedes Feld enthält einen zentral angeordneten, vollständigen Zirkelschlag und vier weitere angeschnittene Kreise. Diese öffnen sich oberhalb beziehungsweise unterhalb des zentralen Kreises, seitlich versetzt zur jeweiligen Außenseite des Feldes hin. So entstehen in jedem Feld zwei übereinander angeordnete vierteilige Schleifensterne. Die Seitenteile der evangelienseitigen Empore entsprechen gleichermaßen dem eben beschriebenen Muster.

Die Porträtbüsten aus der Schlosskapelle in Sierndorf
 

Bildrechte bei Herrn Robert Holler/Stockerau (freundlicherweise und kostenlos zur Verfügung gestellt!)

 
 
3.3. Die Porträtbüsten 

Eindrucksvoll zeigt sich nun die Gestaltung der Schaufront. Hier sind zwei viereckige, wie ein Doppelfenster ausgebildete Nischen ins Maßwerk eingefügt. Dadurch wird der Eindruck eines geschlossenen Oratoriums vermittelt. In jeder der Nischen von 84 Zentimeter Höhe und 70 Zentimeter Breite ist eine lebensgroße Halbfigur untergebracht.
Wie auch bei den übrigen Ausstattungsstücken der Schlosskapelle handelt es sich beim Material der Plastiken um Kalksandstein. Der Stein ist bis heute in der ursprünglichen Bemalung mit Temperafarbe gefasst. Die linke, männliche Büste zeigt den Bauherrn Wilhelm von Zelking, die rechte, weibliche Büste seine Gattin Margaretha von Sandizell. Die eindeutige Zuordnung der beiden ergibt sich durch die doppelt angebrachte Datierung. Unterhalb der linken Nische ist die Jahreszahl 1516 in den Stein eingemeißelt, unterhalb der rechten mit Farbe aufgetragen. Somit fällt die Ausführung der Skulpturen eindeutig in die Zeit des Lebens und Wirkens des Wilhelm von Zelking.
99.) Vgl. H. SEIBERL, Die Plastik des frühen 16. Jahrhunderts in Wien und Niederösterreich, Wien 1935, S. 14.
Beide Büsten sind bis auf geringfügige Beschädigungen an den Kopfbedeckungen und an den Rosenkränzen, die sie in Händen halten, vollkommen intakt. Lediglich die weibliche Büste hat eine kleine schadhafte Stelle an der Nasenspitze. Die Halbfiguren werden fast bis zur Körpermitte mit beiden Armen gezeigt. In eine fast völlige Frontalansicht gestellt, bilden die auf die Fensterbrüstung aufgelegten Unterarme die Basis der Figuren. Schulterpartien und Köpfe sind vollplastisch gearbeitet und nur durch Stege mit der Rückwand der Nische verbunden. In diese sind sie so tief eingelassen, dass sie nur ein wenig aus der Umrahmung hervorragen. Dabei neigen die beiden Eheleute ihre Oberkörper kaum merklich nach vorne und erwecken dadurch den Anschein, als würden sie knien. Die Büsten sind demnach so in die Rahmung eingefügt, als würde das Ehepaar auf der Empore kniend durch die angedeuteten Fensteröffnungen in die Kapelle blicken, die Illusion des Scheinoratoriums ist somit perfekt. Offenbar nehmen die Schlossherren gerade an einer kirchlichen Handlung teil. Die Rosenkränze gleiten durch ihre Hände, sie scheinen zu beten.
Die Körperhaltung der beiden ist ähnlich. Die Armhaltung stimmt nahezu gänzlich überein. Die Ellbogen und der jeweils linke Unterarm liegen breit auf der Unterlage auf, der rechte Unterarm wird jeweils darüber gelegt. Die Oberkörper, sichtbar durch die abgesenkte innere Schulter, und noch viel deutlicher die Köpfe erscheinen leicht zueinander geneigt.
Die vollplastische Bearbeitung in Kombination mit der lebensnahen Körperhaltung und dem klar definierten Existenzraum legen den Grundstein für die naturalistische Wirkung der Büsten. Verstärkt wird diese Wirkung durch die Darstellung zeitgenössischer Mode in Kleidung, Schmuck und Frisur. Wilhelm präsentiert sich als stattlicher Mann in den besten Jahren, er war 1516 gerade 34 Jahre alt.
Seine
100.) Vgl. Ebenda S. 15.
Gesichtszüge sind kräftig, die Nase etwas krumm, die Lippen voll, das Inkarnat erscheint männlich dunkel. Wangen und Kinn sind glatt rasiert, ein dunkler Backenbart rahmt das Gesicht. Auf dem ebenfalls dunklen Haar sitzt eine Kopfbedeckung aus weißem Stoff, über der Stirn wirkt der Stoff nach oben umgeschlagen und durch ein blaues Dekorband befestigt. An den Seiten und rückwärts reicht die Mütze bis zu den Ohren hinab. Wilhelms Kleidung besteht aus einem roten Wams mit blauem Querbesatz über der Brust, der eckige Brustausschnitt gibt den Blick auf ein weißes Hemd mit Stehkragen frei. Darüber trägt der Schlossherr eine Schaube aus blauem Tuch. Das charakteristische Männerobergewand der Renaissance ist vorne offen.
Wilhelms Schaube besitzt einen hellen Umschlag an Kragen wie Schultern und weite, ausladende Ärmel, die die Oberarme bis hin zum Ellbogen bedecken. Unterhalb wird wieder das rote Wams sichtbar. Um den Hals trägt der Schlossherr eine breite, goldene Gliederkette, den Zeigefinger der rechten Hand schmückt ein Ring. In der Hand hält er den Rosenkranz, die oberste der großen Kugeln wird zwischen Daumen und Zeigefinger sichtbar, die folgenden hält er locker umfasst, die letzten Perlen des Rosenkranzes liegen auf dem sehnigen Handrücken der linken Hand auf.
Margarethas zu ihrem Gatten hin geneigte Körperhaltung ergänzt die Darstellung zu einem harmonischen Ganzen. Die beiden geben einander Halt. Eine einzelne Figur aus dem Zusammenhang genommen, würde das notwendige Gleichgewicht vermissen und zu kippen drohen. Erst beide Büsten gemeinsam machen die Darstellung vollständig. Das Inkarnat der Schlossherrin ist von nobler, femininer Blässe und unterscheidet sich deutlich von der kräftigen Hautfarbe ihres Mannes. Die Gesichtszüge erscheinen zarter, und obwohl jede einzelne Kontur hart nachgezeichnet wird
Backenknochen und Augenbrauenbogen treten stark hervor wirkt das Gesamtbild feingliedrig und sanft. Der schmale Mund, die Augen und auch die Brauen sind mit einfachen, klaren Linien wiedergegeben. Margaretha ist ebenso wie ihr Mann in zeitgenössischer Tracht gekleidet und nach der neuesten Mode frisiert. Die jeweils vordersten Strähnen ihrer goldblonden Haare sind zu Zöpfen geflochten, die übrige Haarpracht wird von einer Calotte gehalten. Die netzartige Haube scheint mit Stickereien aus Goldfäden versehen zu sein. Darüber trägt die Schlossherrin eine flache, runde Kopfbedeckung – ein so genanntes Barett. Es wurde ursprünglich als Zeichen der gebildeten Stände getragen. Den dunkelblauen Stoff zieren vorne goldene Sterne und an den Seiten flammende Sonnenscheiben. Margaretha ist etwas kleiner als ihr Ehegemahl und von zartem Körperbau. Das dunkelblaue, eckig ausgeschnittene Kleid liegt eng am Oberkörper an. Der schlanke Hals liegt frei. Über der Brust wurde ein breiter Querbesatz aus weißem Tuch in den eckigen Ausschnitt eingefügt. Diesen schmückt eine kostbare, durchbrochene Goldstickerei. An den beiden äußeren Rändern der Borte handelt es sich dabei jeweils um den gestickten Buchstaben W. Die mittlere Stickerei wird von der darüber liegenden starken Gliederkette aus Gold verdeckt. Die langen Ärmel des Kleides reichen bis knapp über die Handgelenke. An den Schultern beziehungsweise den Ellbogen sind weiße abgebundene Bauschen sichtbar, die Oberarme der Ärmel weisen kreuzförmige Schlitze auf, die den Blick auf das darunter liegende weiße Tuch freigeben. Die Form der Schlitze erinnert an die vierteiligen Schleifensterne des Emporenmaßwerkes. Wie auch beim Wams des Gemahls wirft der den Unterarm bedeckende Stoff des Ärmels zahlreiche breite Falten. Zusätzlich zur bereits erwähnten Gliederkette trägt die Schlossherrin einen imposanten Goldring um den Hals, dessen vielgliedriger und aufwändig
101.) J. ZANDER-SEIDEL, Textiler Hausrat, Kleidung und Haustextilien in Nürnberg von 1500
1650, München 1990, ohne Seitenangabe.
gestalteter Anhänger auf der bloßen Haut aufliegt. Die Finger Margarethas sind, im Gegensatz zu den grobknochigen Händen ihres Ehemannes, feingliedrig und weich. An Zeige- und Ringfinger der rechten, sowie an Zeige-, Ring- und kleinem Finger der linken Hand trägt sie goldene Ringe. Der reiche Schmuck zeichnet sie als vornehme Dame aus. Die Kleidung der beiden entspricht dem deutschen Renaissancekostüm. Am Beginn der Neuzeit zeigte die Kostümsilhouette einen Menschen, der als Abbild Gottes seine neue selbstbewusste Erdgebundenheit mit einer klaren Abgrenzung seiner Individualität verbindet. In der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts lag der Schwerpunkt bei der Zurschaustellung des neuen Selbstbewusstseins.
Annemarie BÖNSCH notiert dazu: „Der Mensch, der das Kostüm des 16. Jahrhunderts trägt, fällt zunächst durch seine imposante, fast präpotente Selbstsicherheit auf.“ Die selbstbewusste Erdgebundenheit wird laut BÖNSCH in den betonten horizontalen Linien des Kostüms ausgedrückt: dem gerade sitzende Barett als oberem Abschluss, der geraden Oberkante des Wamses, der Verbreiterung der Schulterlinie über die anatomischen Gegebenheiten hinaus, sowie dem Haar- und Bartschnitt. Die zeitgemäße modische Kleidung der beiden Sierndorfer zeugt von ihrer Weltgewandtheit.
Wilhelm von Zelkings vermutete Bildungsreise sowie der Kriegsdienst haben ohne Zweifel seinen Horizont erweitert. Stolz stellt er nun die erworbenen Umgangsformen zur Schau.
Für eine vollständige Beschreibung der beiden Porträtbüsten muss auch der erhaltenen Inschrift Rechnung getragen werden. Wie bereits erwähnt ist die Jahreszahl 1516 doppelt und zwar in zweierlei Form angebracht.
Beide Datierungen befinden sich an der Hohlkehle der Sohlbank des
102.) Vgl. A. BÖNSCH, Adelige Bekleidungsformen zwischen 1500 und 1700, in: Ausst. Kat., Adel im Wandel, Rosenburg 1990, S. 169.
103.) Ebenda, S. 169.
104.) Vgl. Ebenda, S. 169f.
angedeuteten Doppelfensters. Die Datierung unterhalb Margarethas wurde, exakt auf die Mittelachse der rechten Nische ausgerichtet, mit dunkler Farbe aufgetragen. Jene unterhalb Wilhelms wurde, nach links von der Mittelachse der linken Nische versetzt, in den Stein gemeißelt. Die doppelte Datierung zeugt von dem Versuch des Schlossherrn, in Bezug auf die Überlieferung des Entstehungsjahres seines lebensgetreuen Porträts, eine doppelte Absicherung zu erhalten und somit für alle Zeiten identifizierbar zu bleiben. In diesem Zusammenhang muss noch einmal auf das von Wilhelm von Zelking eigenhändig angefertigte Verzeichnis der Lebens- und Sterbedaten seiner Familienmitglieder hingewiesen werden, das eben jene eindeutige Identifizierung möglich macht. Mit dieser schriftlichen Fixierung hoffte er wohl das ewige Gedächtnis zu erlangen. Niemals sollten die Büsten zu namenlosen Gesichtern herabkommen. Die unterschiedlichen Methoden der Anbringung der Ziffern an der Empore sichern das dauerhafte Fortbestehen derselben zusätzlich ab und spiegeln gleichzeitig die in der Ausführung der Porträtskulpturen angewandten Kunstgattungen Steinplastik und Temperamalerei.
Unterhalb der wie ein Doppelfenster ausgebildeten Nischen, befand sich ein weiterer mit dem Pinsel aufgetragener Schriftzug. Die Reste der Farbe sind mit freiem Auge nur schwer erahnbar und die Lesbarkeit der Schriftzeichen ist völlig verloren gegangen. Auf dem sehr beschränkten Raum des Simses konnten wohl nur wenige Worte angebracht werden.
Aus demZusammenhang der Memoria ergibt sich die These die Schlossherren hätten ihre eigenen Namen unterhalb der Büsten anbringen lassen. Um diese These überprüfen zu können, wäre allerdings eine genaue chemische Untersuchung der Farbreste wie des Steinuntergrundes notwendig. An den linken Rand der Empore versetzt, meißelte der bis heute nicht identifizierte ausführende Künstler seine Initialen in den Stein. 
Die Bedeutung der, jeweilsdurch einen Punkt voneinander getrennten, Großbuchstaben W.B.H.V. konnte bisher nicht entschlüsselt werden. Da sich die vorliegende Arbeit nicht mit der Frage nach der Künstlerpersönlichkeit auseinandersetzt, wird an dieser Stelle kein Lösungsversuch unternommen, eine entsprechende Recherche böte Stoff für eine eigenständige Befassung. W. B. könnte für Vorname und
Nachname des Künstlers stehen, H.V. ließe sich mit hoc fecit schlüssig deuten.

4. Forschungsstand

Existiert bisher auch keine Monographie zur Ausstattung der Sierndorfer Schlosskapelle, widmen ihr doch zahlreiche Überblickswerke und einige Aufsätze ihre Aufmerksamkeit. Die wohl erste eingehende Befassung findet sich in den Mitteilungen des Altertums-Vereines zu Wien aus dem Jahr 1881. Eduard Freiherr von SACKEN nimmt eine äußerst detaillierte Beschreibung der Porträtbüsten vor und konstatiert abschließend: „Die beiden Bildnisse sind vollendete Kunstwerke, die in Deutschland wohl kaum ihresgleichen haben und den besten italienischen Arbeiten des frühen Cinque cento an die Seite gestellt werden können, voll Leben, von gesundem Realismus und mit ausgesprochener Porträtähnlichkeit. Die Natur ist in ihrer Einzelerscheinung frisch und ursprünglich aufgefasst, ohne conventionelle Stylisierung, in der Wiedergabe frei von aller Manier.“
Er verzichtet in der Folge auf jegliche Zuschreibung und nimmt auch keine Positionierung in eine bestimmte Werkgruppe vor. Sein Verdienst liegt vor allem in der Auffindung der Werke und ihrer Publikation für eine breite Öffentlichkeit. Angeregt durch SACKENS wissenschaftliche Anerkennung der Bedeutsamkeit des Sierndorfer Ensembles für die Epoche, ließ der Eigentümer der Anlage, Graf Colloredo-Mannsfeld, im Zuge der nur wenige Jahre nach SACKENS Veröffentlichung erfolgten Gesamtrestaurierung, das barocke Hochaltarbild, das den ebenfalls zu Ausstattung gehörigen, vollständig erhaltenen, steinernen Flügelaltar verdeckte, entfernen. Erst die Freilegung ermöglichte die Gewinnung eines Gesamteindrucks über den Umfang der zelkingschen Stiftung, die neben den Emporen und dem
105.) E. SACKEN, Kunstdenkmale (zit. Anm. 90), S. 117
130.
106.) Vgl. KECK, Schlosspfarrkirche Mariä-Geburt (zit. Anm. 77), S. 359.
Hochaltar auch einen Taufstein und mehrere Seitenaltäre, von denen leider nur ein einziger vor Ort erhalten blieb umfasst.
Zwei Jahrzehnte später räumt Herbert SEIBERL in seiner Dissertation zur Plastik des frühen 16. Jahrhunderts in Wien und Niederösterreich den Sierndorfer Büsten breiten Raum ein. Er beschäftigt sich vor allem mit der Frage der Zuschreibung und versucht durch Stilanalyse und Stilvergleich die Porträtbüsten mit Anton Pilgrams Arbeiten für den Wiener Stephansdom in Verbindung zu bringen: „Der Zusammenhang mit Pilgrams Wiener Arbeiten zeigt sich schon in der Gesamtstimmung; auch hier herrscht die Pilgramsche Melancholie. Auch Pilgrams Handschrift scheint an den Büsten wiederzukehren, so dass sie als persönliche Arbeiten des Meisters anzusprechen sind.“ Bezug nehmend auf die Datierung ins Jahr 1516 rückt SEIBERL die Büsten ans Ende der bisher greifbaren Schaffenszeit Pilgrams, und findet darin eine mögliche Erklärung für den – seiner Meinung nach
gegenüber den Wiener Arbeiten fortgeschritteneren Stil: „Der Fortschritt zeigt sich sowohl on der größeren statischen Sicherheit, als auch in der betonteren Körperfülle. Unter den Kleidern dehnen sich die festen Körperformen und auch die Köpfe sind etwas fülliger und praller als in Wien. Die starke Massenballung (und auch die Verklammerung der einzelnen Teile) ist nun gemildert.“ Eine weitere Wurzel für den fortgeschrittenen Stil sieht SEIBERL in der hier gestellten Aufgabe des profanen Porträts, bei welchem der herkömmliche Stifterbildcharakter in den Hintergrund tritt, was für die Ausbildung der frühklassischen Elemente förderlich gewesen sein muss. Der von SEIBERL vorgenommenen Zuschreibung der Büsten an Anton Pilgram, als „persönliche Arbeiten des Meisters“ widersprechen die an der
107.) SEIBERL, Die Plastik (zit. Anm. 99).
108.) Ebenda, S. 15.
109.) Ebenda, S. 16.
110.) Ebenda, S.15.
Sierndorfer Empore erhaltenen Initialen W.B.H.V. von vorne herein. Das Monogramm Anton Pilgrams ist in der vorliegenden Buchstabenfolge unmöglich unterzubringen, man vergleiche dazu die Signatur des Meisters unterhalb des Wiener Orgelfußes M.A.P 1513, sprich Meister Anton Pilgram 1513.
Nur ein Jahr nach SEIBERL setzt sich Heinrich DECKER mit den Sierndorfer Werken auseinander. Er stützt seine Überlegungen vor allem auf die Ergebnisse des Vorgängers, Herbert SEIBERL, dem es in überzeugender Weise gelungen sei, eine Wurzel der Entstehung der genannten Gruppe von Steinbildwerken in den Wiener Arbeiten des Meisters Anton Pilgram nachzuweisen. Seine Schlussfolgerungen sind daher mit entsprechender Skepsis zu betrachten. DECKER befasst sich insbesondere mit der bis heute im Original erhaltenen Fassung in Temperafarben und begründet süddeutsche Einflüsse mit der Vorbildwirkung der Pilgramschen Arbeiten: „Hier wirkt unverkennbar die spätgotische Tradition Süddeutschlands fort. Das Resultat ist eine veristische Lebensnähe, welche den vielfach typisierenden, einem Formenkanon sich unterwerfenden Gestaltungsweisen der Renaissance zuwiderlief, die aber gerade der prachtvoll sinnlichen, wesentlich plastischen Formauffassung des bajuwarischen Stammes durchaus entsprach.“
Etwa zur selben Zeit publiziert der Priester Karl KECK im Rahmen der Schriftenreihe „Unsere Heimat“ erstmals die Ergebnisse seiner Archivarbeiten. Deren Schwerpunkte sind die Besitzverhältnisse rund um das Schloss Sierndorf, die Genealogien der Eigentümerfamilien und die Pfarrgeschichte. Auf die hieraus resultierenden Fakten greifen nachfolgende
111.) H. DECKER, Eine Madonna aus Sierndorf im Wiener Diözesanmuseum, in: Mitteilungen aus den Diözesanmuseen Österreichs, 2, o. O. 1936.
112.) Vgl. Ebenda, S. 108.
113.) Ebenda, S. 109.
114.) KECK, Schlosspfarrkirche Mariä-Geburt (zit. Anm. 77), S. 357
362.
Veröffentlichungen bis in die jüngste Zeit immer wieder zurück. Auch die von ihm vorgenommenen Datierungen halten bis heute Stand. Mit den Nachfolgern Anton Pilgrams setzt sich Herbert SEIBERL 1937 auseinander116. Für ihn bilden die Pilgrambüsten die Vorraussetzung für die Sierndorfer Porträts: „In ihrem Aufbau, in dem Streben nach sicherem Gleichgewicht schließen sie unmittelbar an jene an. Die Art, wie sich bei den Zelkingporträts die Hände überkreuzen, erinnert lebhaft an den Hieronymus von der Kanzel.“ Schrieb er die Sierndorfer Büsten in seiner Dissertationsschrift noch Meister Pilgram selbst zu, so spricht er nun von an die Arbeiten Pilgrams anschließenden Schulwerken. Die Erkenntnisse seiner beiden früheren Befassungen verarbeitet SEIBERL in seinem Beitrag zum 1938 erschienen Werk „Die bildende Kunst in Österreich118“: „Die Beruhigung und das sichere Gleichgewicht der Figuren ist hier noch weiter entwickelt als bei Pilgram. Eine Reihe von Einzelbildungen und vor allem die große Ähnlichkeit im Ausdrucksmäßigen beweisen die Herkunft der Büsten aus der Hand eines Pilgramschülers, der die herbe Art des Meisters ins Zarte, Wienerisch-Anmutige umbiegt.“
Karl OETTINGER greift in seiner Befassung mit Anton Pilgram im Jahr 1951 auf die Forschungen RATHES und SEIBERLS zurück. Angelehnt an RATHE ordnet er die Sierndorfer Werke dem Meister des Töpfer-Altares zu, der um 1500
510 in Augsburg geschult wurde. OETTINGER unterstreicht auch die bei SEIBERL formulierte Übernahme der Motive der
115.) Vgl. L. SCHULTES, Meister des Töpferaltars (Sebastian Kriechbaum?). Hochaltar, in: A. Rosenauer (Hg.), Geschichte der bildenden Kunst in Österreich. Spätmittelalter und Renaissance, 3, München 2003, S. 353f.
116.) H. SEIBERL, Die Nachfolger Anton Pilgrams, Zeitschrift des Deutschen Vereines für K.-W., o. O. 1937, Heft 4, S. 113
130.
117.) Ebenda, S. 118.
118.) H. SEIBERL, Die österreichische Plastik von etwa 1400 bis zum Ausgange der Spätgotik, in: K. Ginhart (Hg.), Die bildende Kunst in Österreich. Gotische Zeit (von etwa 1250 bis um 1530), Baden bei Wien 1938, S. 70ff.
119.) Ebenda, S. 86.
120.) K. OETTINGER, Anton Pilgram und die Bildhauer von St. Stephan, Wien 1951. 46
Kirchenväterbüsten und des Orgelfußbildnisses für die Sierndorfer Arbeiten.
Allerdings erkennt er im Gegensatz zu SEIBERL kaum stilistische Anregungen durch Anton Pilgram: „Doch ein gänzlich anderes, kühloberflächliches und dekoratives Empfinden wandelt diese Motive in Kostümbilder um. Viel enger als mit Pilgram ist die innere Berührung mit dem Stain-Grabmal in Jettingen, das Gregor Erhart zugeschrieben wird.“ Die These einer Beeinflussung des Sierndorfer Künstlers durch den Augsburger Meister wird von Oettinger nicht näher ausgeführt und auch in keiner der nachfolgenden Publikationen aufgegriffen.
Im Jahr 1952 veröffentlicht Walther BUCHOWIECKI seine Auseinandersetzung mit den gotischen Kirchen Österreichs.
Im Unterkapitel „Die neuen Wege des 16. Jahrhunderts“ geht er auf das Gesamtensemble der Sierndorfer Schlosskapelle ein: „Die Art wie sich hier die späte Gotik äußert ist in der Tat dürr und formalistisch. Die Wandpfeiler tragen Kapitäle von antikischer Form, die Netzrippen sind kümmerlich, die Schlusssteine über das gewohnte Maß groß. Ein Scheinoratorium, als Erker in den Raum vorspringend, enthält täuschend natürliche Bildnisbüsten des Schlossherrn Wilhelm von Zelking und seiner Frau Margaretha von Sandizell. Eine Berührung zwischen Gotik und Renaissance kann hier nicht geleugnet werden. Dieser Begegnung dürfte es auch zuzuschreiben sein, dass die Gotik hier manieriert und befangen spricht. Ein Sterben der gotischen Kraft, ein Nachlassen ihres Könnens ist damit noch nicht erwiesen. Schon im Hinblick auf andere Bauten der Zeit in Niederösterreich wird man in dem Urteil bestärkt, dass hier nur der Zusammenprall zweier Welten die Gotik unsicher und verwirrt gemacht hat.“ Ergänzend zu BUCHOWIECKIS Ausführungen muss in Erinnerung gerufen werden, dass das gesamte
121.) Ebenda, S. 58.
122.) BUCHOWIECKI, Gotische Kirchen (zit. Anm. 81).
123.) Ebenda, S. 392f.
Gewölbe im Zuge der Restaurierung von 1896 erneuert wurde. Die hier als kümmerlich beschriebenen Netzrippen stammen aus der Hand des Stockerauer Maurermeisters Holdhaus und haben somit keinerlei Aussagekraft für die, vom Autor mit den Worten „dürr und formalistisch“ umschriebene, Äußerung der späten Gotik. Statt das Einfließen neuer Schmuckformen objektiv zu beschreiben, wertet BUCHOWIECKI die Hereinnahme von Renaissanceelementen mit seiner Formulierung einer „unsicher und verwirrt gemachten Gotik“ eindeutig ab. Ein möglicher Grund für diese sehr einseitige Sichtweise BUCHOWIECKIS ist seine spezielle Auseinandersetzung mit der gotischen Zeit, welche hier bereits langsam ausklingt. Die Büsten registriert er als eines der renaissancehaften Elemente der Gesamtkomposition ohne sich weiter mit ihnen zu beschäftigen. Rupert FEUCHTMÜLLER kommt 1961 in seiner Befassung mit der Spätgotik zu dem Schluss, dass die heimischen Bauten füreinander unabhängig stehen, er kann keine Abhängigkeiten von der bayrischen oder böhmischen Spätgotik erkennen. Die Baumeister fänden aus der eigenen Entwicklung zu ihren Lösungen, die innere Verwandtschaft ergebe sich aus dem ihnen gemeinsamen Kulturraum. Das niederösterreichische Gebiet stünde ihm zufolge ganz im Banne Wiens. Um den Wirkungsbereich nördlich der Donau zu umreißen, nennt FEUCHTMÜLLER allen voran die Schlosskapelle Sierndorf und des weiteren die Pfarrkirche in Oberhautzental (1519), die Torhalle von Guntersdorf (Anfang des 16. Jahrhunderts), den Chor in Sallapulka (Anfang des 16. Jahrhunderts) und die ehemalige Stiftskirche von Pernegg (um 1520).
Drei Jahre nach dem Überblickswerk über Gotik in Österreich bringt Rupert FEUCHTMÜLLER gemeinsam mit Peter von BALDASS und Wilhelm
MRAZEK ein vergleichbares Werk über Renaissance in Österreich heraus.
124.) R. FEUCHTMÜLLER, Die Spätgotik – ein Donaustil in der Architektur, in: P. BALDASS u. a., Gotik in Österreich, Wien 1963, S. 19ff.
125.) Vgl. Ebenda, S. 22.
BALDASS Befassung mit der Plastik versucht unter anderem das Eindringen der Renaissancekunst in die österreichischen Länder zu erklären. Er stellt fest, dass im Wiener Raum ab 1510 eine Reihe von Werken entstanden, die ohne eine direkte Berührung mit dem Süden und zwar mit Oberitalien nicht denkbar wären. Eben zu diesen, unmittelbar aus dem Geist der Renaissance abzuleitenden, Werken zählt BALDASS die Skulpturen der Schlosskapelle in Sierndorf: „Es sind Porträtskulpturen von mittlerer künstlerischer Bedeutung, die aber Zeugnis dafür ablegen, dass der Landadel modern dachte und Wege über das Bodenständige und über die heimischen Grenzen hinaus fand“. Interessant an dieser Formulierung ist, dass erstmals Bezug auf den Auftraggeber genommen wird. Es sei der Adel, der modern denke, der Adel, der über die heimischen Grenzen hinausfände. Alle vorangehenden Befassungen stellten ausnahmslos Überlegungen zu Herkunft und Schulung des ausführenden Künstlers an. Die Verbindung mit Oberitalien ist darüber hinaus ebenfalls ein gänzlich neuer Gedankengang. BALDASS Thesen finden ihren Widerhall in der Biographie des Auftraggebers, der – wie aus dem Testament des Vaters bekannt – wohl tatsächlich seine Studienzeit in Bologna absolvierte.
1972 bespricht FEUCHTMÜLLER das zeitgenössische Porträt im Kirchenraum. Bei seiner Untersuchung über die Stellung des Menschen im sakralen Bereich verweist er auf Baumeister- und Stifterbildnisse an Konsolen zu Beginn des 15. Jahrhunderts. Eine aus rein menschlichen Bereichen kommende Problematik ergebe sich aber erst seit dem Anfang des 16.
Jahrhunderts.
126.) P. BALDASS , Malerei und Plastik, in: P. BALDASS/ R. FEUCHTMÜLLER/ W. MRAZEK, Renaissance in Österreich, Wien 1966, S. 4175.
127.) Vgl. Ebenda, S. 60f.
128.) Ebenda, S. 61.
129.) R. FEUCHTMÜLLER, Kunst in Österreich. Vom frühen Mittelalter bis zur Gegenwart, 1, Wien 1972, S. 197.
FEUCHTMÜLLER meint bei Anton Pilgram die erstmalige Thematisierung von Kunst und Wirklichkeit zu erkennen. Pilgrams Selbstporträt an der Wiener Kanzel direkt unterhalb der Kirchenväterbüsten sei: „Ein unerhört spannungsgeladener Kontrast, der die Bildwelt der Kunst als Vorstellung deklariert und die Frage nach der wirklichen Existenz aufwirft.“
Bei den, aufgrund der künstlerischen Bezüge, im Anschluss an Pilgrams Arbeiten angeführten Sierndorfer Büsten, die immer wieder an die Spitze der österreichischen Renaissanceplastik gestellt würden, ergebe sich eine ganz besondere Problematik: „Hier nimmt der Schlossherr in der von ihm erbauten Kapelle, sozusagen für alle Zeiten, an der heiligen Messhandlung teil. Es geht auch nicht um die Frage zeitgebundener oder zeitloser Existenz, sondern um ein Beiwohnen in des Wortes eigentlicher
Bedeutung: Der Mensch ist nicht der Mittelpunkt, sondern der heilige Ort ist es, das Messopfer, an dem der Stifter allezeit teilnehmen will.“
FEUCHTMÜLLER versucht seine These, nicht der Mensch, sondern die Handlung stünde im Mittelpunkt, im Weiteren zu bekräftigen. Bei den Büsten handle es sich lediglich formal um Renaissanceplastiken, ihnen fehlten allerdings jegliche Aktion und jegliches Selbstbewusstsein, das doch für die italienische Renaissanceplastik dieser Zeit bezeichnend sei. Stattdessen unterstellt Feuchtmüller Passivität und innere Versunkenheit, die erst durch die Durchführung einer nach außen sichtbaren Handlung, dem Halten des Rosenkranzes, überwunden würden.
Zusammenfassend meint er, rein formal handle es sich um Renaissanceplastiken, ihrem Wesen nach seien sie aber immer noch „der mittelalterlichen Welt zugewandt.“
130.) Ebenda, S. 197.
131.) Ebenda, S. 197f.
132.) Vgl. Ebenda, S. 198.
Eine weitere Befassung mit gotischer Architektur in Niederösterreich stammt von Mario SCHWARZ aus dem Jahr 1980. SCHWARZ weist darauf hin, dass sich zeitgleich mit der Entwicklung des Donaustils in Niederösterreich erste Auflösungserscheinungen der gotischen Formentradition zeigen.  Als hervorstechendes Beispiel für die positive Auseinandersetzung der adeligen Bauherren mit den neuen Gestaltungsmöglichkeiten nennt er Wilhelm von Zelkings Neugestaltung der Sierndorfer Schlosskapelle: „So vereinigt die Schlosskapelle in Sierndorf als Wandpfeilerkirche mit Netzrippengewölbe, Fischblasen-Maßwerkfenstern, antikisierenden Kapitellen, Bildnisbüsten der Erbauer (1516) und einem Renaissancealtar (1518) gotische Formentradition mit grundsätzlich Neuem. Trotz der stilistischen Disparität der Bestandteile kann dieses Ensemble durchaus als Raumgesamtkunstwerk unter den Vorzeichen einer Übergangszeit gesehen werden.“
Im Gegensatz zu den negativ besetzten Formulierungen BUCHOWIECKIS drei Jahrzehnte zuvor, gelingt es SCHWARZ in seiner Befassung, die Periode des Einfließens neuer Formen wertfrei und objektiv als eigenständigen Entwicklungsschritt am Übergang vom Traditionellen hin zu etwas grundsätzlich Neuem anzuerkennen. Die Phase des Übergangs von der Spätgotik zur Renaissance, die den Übergang vom Mittelalter zur Neuzeit widerspiegelt, erfährt hier ihre Legitimation als autonome Stilstufe. Damit geht auch die Ausbildung neuer gestalterischer Möglichkeiten einher, die weder mit „nicht mehr hinreichend gotisch“ noch mit „noch nicht voll und ganz renaissancehaft“ beschrieben werden können, sondern unabhängig für sich alleine stehend betrachtet werden müssen.
Arthur ROSENAUER nimmt die Diskussion über einen Zusammenhang zwischen Pilgramscher Plastik und den Sierndorfer Werken im Jahr 2003
133.) M. SCHWARZ, Gotische Architektur in Niederösterreich, St. Pölten/Wien 1980.
134 Ebenda, S. 57.
wieder auf. Er weist in erster Linie auf die deutlichen Unterschiede im, den Büsten zugestandenen, Existenzraum hin. Die Orgelfußbüste schiene demnach durch das Gewicht des auf ihr lastenden Orgelfußes in den Raum hineingepresst zu werden, wohingegen die bildhafte Rahmung der Zelkingbüsten, diesen einen von äußeren Kräften unbedrängten Existenzraum garantiere. Somit könnte das Stifterehepaar seine Persönlichkeit uneingeschränkt entfalten, der Baumeister werde jedoch von den Baumassen fast erdrückt, was sich in seinem tragischen Gesichtsausdruck widerspiegle.
Bezug nehmend auf SEIBERLS Erkenntnisse aus dem Jahr 1937 schreibt Lothar SCHULTES im Jahr 2003 die Sierndorfer Skulpturen dem Meister des Töpferaltares zu. Auf einer Ebene mit den Pilgrambüsten zählt er die Sierndorfer Werke zu den bedeutendsten Porträtskulpturen des Wiener Humanismus. Dennoch weist er auf deutliche Divergenzen hin. Die Skulpturen repräsentierten unterschiedliche Menschenbilder der Neuzeit: „hier den vornehmen, leicht blasierten Adeligen, dort den sein Ich in schonungsloser Ehrlichkeit preisgebenden Künstler.“ Lediglich das Motiv sei von Pilgram entlehnt, die Vorliebe für extravaganten Schmuck und ebensolche Kleidung entspräche eher dem höfischen Porträt dieser Zeit.
Auf die bei SCHULTES formulierten Übereinstimmungen mit dem höfischen Porträt zurückgreifend, untersucht die vorliegende Arbeit die Zelkingbüsten vor allem unter den Aspekten der Legitimation von Recht und Besitz sowie politischer Macht. Dazu werden exemplarisch im Kapitel 6.3.2 die Bezüge
135.) A. ROSENAUER, Spätgotik und Renaissance, in: A. ROSENAUER (Hg.), Geschichte der bildenden
Kunst in Österreich. Spätmittelalter und Renaissance, 3, München 2003, S. 32. 136 Vgl. Ebenda, S. 32.
137.) Vgl. L. SCHULTES, Plastik vom Ende des schönen Stils bis zum Beginn der Renaissance, in: A. ROSENAUER (Hg.), Geschichte der bildenden Kunst in Österreich. Spätmittelalter und Renaissance, 3, München 2003, S. 311.
138.) Ebenda, S. 311.
139.) Vgl. L. SCHULTES, Meister des Töpferaltars (zit. Anm. 91), S. 353.
der Sierndorfer Porträtbüsten zu den beiden Mittelreliefs des Goldenen Dachls zu Innsbruck herausgearbeitet.

 
5. Typus
 
Der bei den Sierndorfer Porträtbüsten zur Anwendung kommende Typus einer Gestalt, die durch eine Öffnung in der Mauer beziehungsweise über eine Brüstung blickt, geht bis ins 14. Jahrhundert zurück. Die Darstellungsart wird einerseits im Innenraum, im Speziellen im Kircheninnenraum, eingesetzt: etwa Peter Parlers Triforienbüsten im Prager Veitsdom (um 1374-1385), die Büste des Hans Hammer auf der Sängerempore des Südquerhauses im Straßburger Münster (1490), Pilgrams Kirchenväterbüsten am Kanzelkorb im Wiener Stephansdom, oder seine beiden ebenfalls im Stephansdom vorzufindenden Selbstporträts. Anderseits gibt es durchaus auch Porträts dieses Typus im Außenraum: an Fassaden, wie bei den Fensterbüsten des Palais Jacques Coeur in Bourges (um 1450), an Portalen, wie dem heute zerstörten Kanzleiportal in Straßburg (um 1460) oder an Altanen, wie bei den Skulpturen an der südlichen Querhausfassade von St. Marien zu Mühlhausen (Mitte des 14. Jh.).
SEIBERL war der Erste, der die Abhängigkeit der Sierndorfer Porträtbüsten von der Pilgramschen Plastik ausformulierte.
Die in Sierndorf erfolgte Übernahme der pilgramschen Motive wurde in nachfolgenden Befassungen, etwa bei OETTINGER und SCHULTES bestätigt.
Hervorgehoben wurden neben dem Typus vor allem Kongruenzen bei der Gestaltung der Hände sowie der Handhaltung. Ein ausgesuchter Blickwinkel auf die Kanzel zeigt die mögliche Vorlage für die Gesamtkonzeption des Sierndorfer Doppelporträts. Die, in Form eines Sechsecks angelegte, Kanzel zieren an vier Seiten die Darstellungen der Kirchväter. Es sind Hieronymus und 140.) Vgl. SEIBERL, Die Plastik (zit. Anm. 99), S. 15.
141.) Vgl. OETTINGER, Anton Pilgram (zit. Anm. 120), S. 58.
142.) Vgl. SCHULTES, Meister des Töpferaltares (zit. Anm. 91), S. 353.
143.) Vgl. SEIBERL, Nachfolger (zit. Anm. 116), S. 118.
Ambrosius, die sich – bei dem ausgewählten Blickwinkel auf die Kanzel – aus den ihnen zugedachten Fensternischen lehnen. Klappt man vor seinem inneren Auge die Fensteröffnungen des Hieronymus und des Ambrosius nebeneinander und betrachtet die beiden Kirchenväter als Doppelporträt, so treten gleich mehrere motivische Übereinstimmungen mit den Sierndorfer Büsten zu Tage: Die beiden Plastiken sind einander zugeneigt und aufeinander bezogen, sie geben einander Halt. Wegen der einander zugeneigten Köpfe kreuzen sich die Blick der Dargestellten. Die Büsten lehnen sich gerade soweit aus den Fensternischen heraus, dass sie den Anschein erwecken zu knien. Der links dargestellte Hieronymus trägt deutlich herbere Gesichtzüge, als Ambrosius zu seiner Rechten. All das sind Charakteristika, die auch bei den Sierndorfer Büsten Anwendung finden.
Aufgrund ihrer deutlichen Abhängigkeit vom Werk Pilgrams sind es nun dessen Vorbilder, die hier aufgespürt werden sollen.
Entscheidenden Einfluss auf Anton Pilgram dürfte wohl vor allem die Straßburger Plastik ausgeübt haben. „Die These, Pilgram hätte Straßburg besucht, liegt schon deshalb nahe, weil die Straßburger Bauhütte zum Pflichtprogramm jedes ehrgeizigen Bildhauers und Architekten im Mitteleuropa der Jahrzehnte um 1500 gehört haben dürfte“
144.) M. V. SCHWARZ, Altargucker und Predigtlauscher. Anton Pilgrams Selbstbildnisse in St. Stephan, Wien, in: M. V. SCHWARZ, Visuelle Medien im christlichen Kult: Fallstudien aus dem 13. bis 16.Jahrhundert, Wien 2002, S. 226.,
merkt Michael Viktor SCHWARZ 2002 an.
Es war das Umfeld Niclaus Gerhaert von Leydens, auf das Pilgram um 1500 in Straßburg traf. Ein eigenhändiges Werk dieses Meisters, die männliche Büste, welche ursprünglich am Straßburger Kanzleiportal angebracht war, hat Pilgrams weiteres Schaffen nachhaltig geprägt.
Den Ausführungen Josef Adolf SCHMOLLS folgend, stellt die Büste ein Selbstporträt von Leydens dar, dessen Entstehung er in das Jahr 1463 datiert. Nach dem Brand der Kanzlei im Jahr 1686 wurde es vom  M. V. SCHWARZ, Altargucker und Predigtlauscher. Anton Pilgrams Selbstbildnisse in St. Stephan, Wien, in: M. V. SCHWARZ, Visuelle Medien im christlichen Kult: Fallstudien aus dem 13. bis 16. Jahrhundert, Wien 2002, S. 226.
ihm zugedachten Anbringungsort entfernt und befindet sich heute im Straßburger Frauenhausmuseum.
145.) J. A. SCHMOLL, Marginalien zu Niclaus Gerhaert von Leyden, in: H. Sedlmayr, W. Messerer (Hg.),
Festschrift Karl Oettinger zum 60. Geburtstag am 4. März 1966, Erlangen 1967, S. 230f
.
Die dargestellte Figur stützt den linken Unterarm auf und greift gleichzeitig mit der rechten Hand an ihr Kinn, wobei der Kopf mit halb geschlossenen Lidern nach unten geneigt ist. Die linke Hand hält einen Gegenstand, von dem heute nur noch der gerippte Knauf erhalten ist. Schmoll deutet diesen als Kugelabschluss eines Zirkels.
Die aktuellste Auseinandersetzung mit der Skulptur erfolgt bei Uwe GEESE, der die Wirkung derselben auf den Betrachter wie folgt beschreibt: „Trotz der eher verhaltenen Gestik bildet die Büste in ihrer sinnenden Versenkung eine prägnante Gebärdensprache aus, durch die sie noch in der Ruhe eine bis dahin kaum gesehene Verlebendigung erfährt“ Der Typus der aus einer Öffnung blickenden Gestalt ist an dieser aus dem Gesamtensemble gerissenen Figur nur an noch einem einzigen Fragment erkennbar: dem Bruchstück einer profilierten Leiste an der rechten Rückenpartie der Büste, welches auf die einstige fensterartige Rahmung hinweist.
Beide Wiener Selbstporträts Anton Pilgrams und auch alle vier Kirchenväterbüsten am Kanzelkorb blicken durch Fensteröffnungen in den Raum. Schon dieses Detail lässt auf eine Beeinflussung Pilgrams durch den älteren Meister schließen. Auf einen eindeutigen Zusammenhang zwischen dem Straßburger und dem Wiener Bildwerk weist Karl OETTINGER hin: die Darstellung des Kirchenvaters Augustinus. An dieser Figur wandelt Pilgram, wie SCHMOLL, der Oettingers Gedankengang aufgreift, beschreibt, „den Gestus des nachdenklichen Kopfaufstützens in die um Kinn und Mund greifende J. A. SCHMOLL, Marginalien zu Niclaus Gerhaert von Leyden, in: H. Sedlmayr, W. Messerer (Hg.), Festschrift Karl Oettinger zum 60. Geburtstag am 4. März 1966, Erlangen 1967, S. 230f.
146.) Ebenda, S. 231.
147.) U. GEESE, Mittelalterliche Skulptur in Deutschland, Österreich und der Schweiz, Petersberg 2007, S. 126.
148.) OETTINGER, Pilgram (zit. Anm. 120), S. 14.
Hand“ des Selbstbildnisses Niclaus von Leydens ab. Aber auch bei der Gestik seines Selbstporträts am Kanzelfuß übernimmt Pilgram das Motiv des auf dem Fensterbrett aufgelegten Unterarmes der Hand, die den Zirkel hält, so wie es die Straßburger Büste vorgibt.
Ein Aufenthalt in Straßburg brachte für Anton Pilgram mit Bestimmtheit eine Vielzahl an Anregungen, war doch die Bildform Büste, wie Michael Viktor SCHWARZ anmerkte, nirgendwo sonst in Mittel- und Westeuropa so verbreitet wie in und an Gebäuden dieser Stadt151. In diesem Zusammenhang muss das porträthafte Bildnis eines weiteren in Straßburg tätigen Künstlers genannt werden: die Bildnisbüste des Hans Hammer im Straßburger Münster.
Meister Hammer war zwischen 1486 und 1491 Werkmeister der Straßburger Hütte. Hammer war wohl beauftragt, die Brüstung der triforiumsartig gestalteten Sängertribüne im Südquerhaus zu gestalten, wie die Ähnlichkeiten mit der 1495 von ihm in Zabern im Elsass geschaffenen Kanzel belegen. Die Kenntnis des Selbstporträts Niclaus Gerhaert von Leydens am Kanzleiportal mag ihn dazu bewogen haben, sein Werk über sein Steinmetzzeichen hinaus, nach dem Vorbild des älteren Meisters mit einem Selbstporträt zu signieren. Damit holt Hammer den Typus in den Kircheninnenraum herein. Die unterlebensgroße Büste ist ein Teil der Brüstung und ungefähr vier Meter über den Köpfen der Kirchenbesucher angebracht. Beide Unterarme auf die Brüstung aufgelegt und leicht nach vorne gelehnt, schafft sie die Illusion einer längst vergangenen Präsenz.
149.) Ebenda, S. 234.
SCHMOLL nennt an dieser Stelle irrtümlich Ambrosius: „Die dritte Beziehung zwischen Wien und Straßburg besteht, wie schon von VÖGE, PINDER, OETTINGER u. a. gewürdigt, in der am Kanzelkorb dargestellten Figur des Ambrosius …“ Tatsächlich meint er den mit Petschaft und Tintenfass dargestellten Augustinus.
150.) Vgl. SCHMOLL, Marginalien (zit. Anm. 145), S. 234.
151.) Vgl. SCHWARZ, Altargucker und Predigtlauscher (zit. Anm. 144), S. 227.
152.) Lange Zeit wurde die männliche Gestalt als Erwin von Steinbach identifiziert. Eine ausführliche Auseinandersetzung mit dieser Problematik bietet: M.-J. GEYER, Le mythe d`Erwin Steinbach, in: R. RECHT (Hg.), Les battiseurs des cathedrales gothiques, Straßburg 1989, S. 322
329.
153.) Vgl. SCHWARZ, Altargucker und Predigtlauscher (zit. Anm. 144), S 227.
Die hier erfolgte Übertragung des Typus in den Kircheninnenraum verändert nun auch die künstlerische Intention, nicht mehr die Signierung des geschaffenen Werkes steht an erster Stelle, sondern die religiöse Andacht des Künstlers.
Wie in Kapitel 6.1.2 nachzulesen, ist es eben das Thema der religiösen Andacht bei dem die Gemeinsamkeiten des Straßburger Bildnisses mit den Pilgramschen Selbstporträts deutlich werden.

6. Macht und Memoria an der Wende zur Neuzeit

Der Historiker Otto Gerhard OEXLE führt den Terminus des Memorialbildes in die Forschung ein und stellt ihn als übergreifenden Begriff dar: „Es ist damit nicht ein bestimmter Bildinhalt gemeint, nicht ein ikonographischer Typus, sondern eine Bildfunktion: die Verwendung des Bildes im Rahmen der Memoria.“ In der mittelalterlichen Gesellschaft war die Memoria ein omnipräsentes Phänomen, sie meint den sozialen Gesamtzusammenhang, der das Bild entstehen ließ und auf es verweist. Memoria umschreibt einen mehrdimensionalen Begriff, der keinesfalls allein auf das religiöse Moment beschränkt werden darf. Grundsätzlich gehörte die Memoria dem Bereich der Kirche, das heißt der Liturgie an, doch sie durchdrang nahezu alle Bereiche des Lebens.
Es ist wiederum Otto Gerhard OEXLE, der als Erster einen umfassenderen Begriff der Memoria geprägt hat: „Memoria war somit nicht nur ein religiöses Phänomen, sondern umfasste auch das Moment der Rechtssicherung und Besitzsicherung, das Moment der Historiographie, der historischen Erinnerung, aber auch […] das Moment der Sicherung politischer Legitimität.“ Deutlich geht aus seinen Worten hervor, dass die genannten Intentionen von Memoria einander nicht ausschließen, sondern Elemente ein und desselben sozialen Zusammenhanges sind. Gerade beim zu besprechenden Werk, den Sierndorfer Porträtbüsten, kann eine rein auf das religiöse Phänomen ausgerichtete Auslegung keine Erklärungshilfe für die Ausnahmestellung der nahezu lebensecht erscheinenden Porträts geben. So war etwa das Moment der Sicherung politischer Legitimität, wie noch
154.) O. G. OEXLE, Die Gegenwart der Toten, in: H. BREAT/ W. VERBEKE (Hg.), Death in the middle ages, Leuven 1983, S. 47.
155.) Vgl. O. G. OEXLE, Memoria und Memorialbild, in: K. SCHMID/ J. WOLLASCH (Hg.), Der geschichtliche Zeugniswert des liturgischen Gedenkens im Mittelalter, München 1984, S. 388.
156.) Vgl. M. BORGOLTE, „Totale Geschichte“ des Mittelalters? Das Beispiel der Stiftungen, Berlin 1993, S. 7.
157.) O. G. OEXLE, Memoria und Memorialbild (zit. Anm. 155), S. 394.
eingehend zu behandeln sein wird, für die Sierndorfer Landadeligen von großer Bedeutung und erklärt den profanen, lebensnahen Charakter der Büsten. Denn „Memoria, Erinnerung ist das entscheidende Moment, das Adel konstituiert. Ohne Memoria gibt es keinen Adel und deshalb auch keine Legitimation für adelige Herrschaft“, notiert OEXLE an anderer Stelle und liefert hiermit ein Motiv für die Errichtung des Sierndorfer Werkes.
Michael BORGOLTE überträgt OEXLES Forschungsergebnisse auf das mittelalterliche Stiftungswesen: „Stiftungen des Mittelalters waren Phänomene, in denen sich Religiöses, Rechtliches und Ökonomisches durchdrang, und in den je konkreten Ausprägungen kamen die Motive der Caritas und des Mäzenatentums hinzu.“ Für die Umsetzung im Kunstwerk bedeutet das, dass ein einzelnes Werk gleichzeitig mehreren der genannten Aspekte entsprechen kann. Forscht man nach der Motiviation für die Inauftraggabe eines Werkes, ist es demnach möglich, mehrere nebeneinander gleichberechtigt bestehende oder auch unterschiedlich gewichtete Intentionen zu entdecken.
In der Folge soll nun den einzelnen Aspekten des Memorialgedankens Rechnung getragen werden.

6.1. Das religiöse Moment der Memoria

Vier grundlegende Charakteristika religiöser Memoria fasst Caroline HORCH zusammen: die Gemeinschaft der Lebenden und der Toten; die Anwesenheit oder Vergegenwärtigung der Toten; die gegenseitigen Leistungen der Lebenden und Toten und die Sicherung dieser Leistungen für die Zukunft.
158.) O. G. OEXLE, Memoria als Kultur, Göttingen 1995, S. 37f.
159.) BORGOLTE, „Totale Geschichte“ (zit. Anm. 156), S. 11.
160.) Vgl. C. HORCH, Der Memorialgedanke und das Spektrum seiner Funktionen in der Bildenden Kunst des
Mittelalters, Königstein im Taunus 2001, S. 15.
Die Grundvoraussetzung für das mittelalterliche Memorialwesen ist der Glaube des Menschen an ein Leben nach dem Tod. Die Auferstehung Christi und der Tag des Jüngsten Gerichts sind für ihn Realität. Dieses Warten auf das Letzte Gericht verbindet die Lebenden und die Toten, in ihm werden sie zu einer Gemeinschaft. In Hinblick auf das Weltgericht versuchen die Menschen ein frommes Leben zu führen und sich durch gute Werke hervorzutun. Um ungesühnte Vergehen auch nach dem eigenen Ableben noch bereinigen zu können, werden fromme Gebete für die Verstorben erbeten.
Hier nimmt das Stiftungswesen seinen Ausgang.

 
6.1.1. Das Stiftungswesen – eine Sonderform des Gabentausches

Ursprünglich waren Stiftungen immer zugleich Totenstiftungen.
Mittelalterliche Stifter handelten dabei keineswegs uneigennützig. Die Stiftungen sollten dazu beitragen, ihre Seele beim Jüngsten Gericht zu retten. Sie erwarteten von den Begünstigten ihrer Stiftung Gegenleistungen meist in Form von Gebeten und Messen oder eben auch in Form von Memoria. Das Verhältnis von Geben und Nehmen war somit ein wechselseitiges. Der Stifter wurde dadurch ebenfalls zum Empfänger, und der Empfänger der Stiftung zum Spender. Gebet und Gedenken wurden zur ständigen Gegengabe für die Gabe des Stifters. Die Stiftungen waren in der Regel auf unbestimmte Zeit beziehungsweise auf die Ewigkeit angelegt.
Die Verpflichtung zur Gegenleistung bestand jedoch nicht nur allein für die begünstigten Menschen, sondern auch für Gott. Für das ihm dargebrachte
Opfer wurde die Erfüllung der vorgebrachten Bitte – Gottes Gnade und dadurch ewige Seligkeit erwartet.
161.) Vgl. Ebenda, S. 11f.
162.) Vgl. HORCH, Der Memorialgedanke (zit. Anm. 160), S. 57.

Primär dienten die mittelalterlichen Stiftungen der Errichtung beziehungsweise dem Ausbau des Kirchenwesens, aber auch der Entschärfung sozialer Notlagen und der Förderung von Wissenschaft und Kultur. Allen gemeinsam war das religiöse Moment. Von Kirchenstiftungen spricht man nicht nur bei der Errichtung neuer Gotteshäuser, sondern auch bei Umbauten, Renovierungen und Erweiterungen sowie bei der Ausstattung bestehender Kirchengebäude. Darüber hinaus zählen auch die Stiftungen von Kapellen und Altären zu diesem Bereich. Diese konnten von Einzelpersönlichkeiten, also von wohlhabenden Adeligen und Bürgern oder auch von einem Zusammenschluss mehrerer minder begüterter Menschen getätigt werden. Caroline HORCH gliedert den Vorgang einer Stiftung in drei Teile: erstens in die Handlung, den Akt der Gründung (Vermögenshergabe und Willensbekundung des Stifters); zweitens in die Wirkursache, die Durchführung der Stiftungsbestimmungen und drittens in ihre Endursache, den Zweck der Memoria. Generell ist die Stiftung kein einmaliger Akt, bei dem eine Gabe den Besitzer wechselt, sondern sie wird dadurch geschaffen, dass der Stifter die Erträge seines Vermögens einem bestimmten Zweck widmet.
Zur Erfüllung des Stifterwillens werden nur die Zinsen herangezogen, das Kapital bleibt unangetastet. Auch HORCH beschreibt das Stiften als „das Hergeben eines Vermögens“, wobei sie den Begriff Vermögen nicht allein auf Kapital beschränkt. Das Vermögen kann ihrer Ansicht nach auch ein Gegenstand sein. Die beiden heute strikt
getrennten Vorgänge Stiftung und Schenkung konnten im Mittelalter mitunter zusammenfallen.
163.) Vgl. Ebenda S. 62.
164.) Vgl. BORGOLTE, „Totale Geschichte“ (zit. Anm. 156), S. 9f.
165.) Vgl. HORCH, Der Memorialgedanke (zit. Anm.160), S. 55.
166.) Vgl. BORGOLTE, „Totale Geschichte“ (zit. Anm.156), S. 9.
Ein Stiftsbrief für die Umgestaltung der Sierndorfer Schlosskapelle durch das Ehepaar Zelking hat sich leider nicht erhalten, die beiden Porträtbüsten sind dessen ungeachtet als Stifterbildnisse identifizierbar. Das Doppelporträt des Wilhelm von Zelking und der Margaretha von Sandizell zeigt die beiden als Lebende, nach ihrem erfolgten Tod soll es allerdings die Verstorbenen im Kreise der Ihren darstellen. Die in ewiger Andacht an den Gottesdiensten teilhabenden Schlossherrn bleiben so in steter Verbindung mit den ihnen nachfolgenden Generationen. Verbindung meint nicht nur einen Vorgang des Denkens und Empfindens. Vom Mittelalter bis etwa 1800 gingen die Menschen von der Vorstellung aus, dass ihre Verstorbenen weiterhin als Subjekt ihrer sozialen Beziehungen – durch Verwandtschaft, Freundschaft oder Bekanntschaft – erhalten blieben und auch ihren rechtlichen Status bewahrten. Memoria stiftete also eine Gemeinschaft von Lebenden und Toten und war somit das Bindeglied zwischen Vergangenheit und Zukunft.
Der lateinische Begriff der Memoria umfasst zwei Phänomene, die in der deutschen Sprache mit den Termini Gedächtnis und Erinnerung beziehungsweise Andenken oder auch Gedenken differenzierend benannt werden können. Nach OEXLES Auslegung steht der Begriff Gedächtnis für die Fähigkeit in der Vergangenheit Erlebtes, Erfahrenes sowie Erlerntes festzuhalten und wieder hervorzurufen, das heißt, für die Fähigkeit, sich zu erinnern. Erinnerung, Andenken und Gedenken meinen im Unterschied dazu nicht die bloße Fähigkeit zu dieser Gedächtnisleistung, sondern die als bewusst vollzogene Vergegenwärtigung des Vergangenen.
167.) Vgl. HORCH, Der Memorialgedanke (zit. Anm.160), S. 54.
168.) Vgl. OEXLE, Memoria und Memorialbild, (zit. Anm. 155), S. 386.
169.) Vgl. O. G. OEXLE, Memoria und Memorialüberlieferung im frühen Mittelalter, in: Frühmittelalterliche Studien, X, 1976, S. 79f.
In der Bedeutung von Erinnerung, Andenken oder Gedenken kann sich Memoria nicht nur auf Dinge, sondern auch auf Personen beziehen. Gemeint sind Personen, die durch Raum und Zeit von uns getrennt sind, also Abwesende oder auch Verstorbene. Eine wesentliche Bedeutung der mittelalterlichen Memoria war die Vergegenwärtigung Verstorbener. Das Ehepaar Zelking sicherte sich durch sein steinernes Abbild für Gegenwart und Zukunft seine fortdauernde Anwesenheit unter den Lebenden. Vorraussetzung für diese weit reichende Interpretation von Memoria war die Namensnennung. Ein Verlust der Identität der Abgebildeten würde das Bildwerk auf einen reinen Kunstgegenstand reduzieren und es seiner humanen Komponente berauben.
In diesem Zusammenhang muss auf die von Wilhelm von Zelking unternommenen Anstrengungen zur Überlieferung seiner Lebensdaten hingewiesen werden. Einerseits durch die bei der Beschreibung der Büsten eingehend besprochene doppelte Datierung des Bildwerkes und andererseits durch die unter Einfluss der zunehmenden Verschriftlichung der Gesellschaft eigenhändig vorgenommene Aufzeichnung der Lebensdaten aller Familienmitglieder.
Die Büsten befinden sich noch heute an dem ihnen vor 500 Jahren zugedachten Anbringungsort.
Das Gesamtensemble des Architektur und Ausstattung umfassenden Auftrages wurde jedoch im Laufe der Jahrhunderte mehr und mehr zerpflückt. Wie in der Baugeschichte dargelegt, stimmen im derzeitigen Zustand weder die Anzahl und Anordnung der Altäre, noch die Seite der Annäherung an das Kunstwerk oder der Lichteinfall mit dem von Wilhelm von Zelking in Auftrag gegebenen Konzept überein. Mit ähnlicher Problematik konfrontiert beurteilt Caroline HORCH die Auswirkungen auf
170.) Vgl. OEXLE, Memoria und Memorialbild, (zit. Anm. 155), S. 385.
171.) Vgl. C. Horch, Der Memorialgedanke (zit. Anm.160), S. 11.
172.) Vgl. Ebenda, S. 17.
173.) Siehe dazu Kapitel 3.3., S. 34f.
174.) Siehe dazu Kapitel 6.2.1, S. 74ff.
Memoria: „Ein mittelalterliches Bildwerk, das aus seinem vorgesehenen respektive angestammten Kontext entfernt wurde oder vom modernen Betrachter allein als museales Kunstwerk angesehen wird, kann nicht mehr adäquat verstanden werden. 
Der Funktionszusammenhang wird zerrissen, dem Bild kommt eine Dimension abhanden und auch wenn eine kunsthistorische Bedeutung des Werkes bestehen bleibt, so muss man sich doch fragen, ob nicht zumindest der Memoria des Menschen Schaden
zugefügt wurde.“
In Sierndorf kommt der umgekehrte Fall zu tragen,
175.) Ebenda, S. 16f.
nicht die Porträtbüsten wurden entfernt, sondern der sie umgebenden Raum wurde zu einem großen Teil neu gestaltet. Ähnliche Umstände gelten auch für die Selbstporträts Anton Pilgrams im Wiener Stephansdom. Sie blieben über die Jahrhunderte an ihrem ursprünglichen Platz, das Beziehungsgefüge innerhalb des Kirchenraumes, in welches sie ursprünglich eingebettet waren, wurde jedoch zu großen Teilen zu Grunde gerichtet.
Michael Viktor SCHWARZ rekonstruierte den originären Funktionszusammenhang der Wiener Bildwerke und versuchte im Anschluss eine Analyse desselben.
Seine Forschungsergebnisse werden nun in Bezug auf ihre Übertragbarkeit auf das Sierndorfer Doppelporträt untersucht.

6.1.2. Die Orgelfußbüste Anton Pilgrams und ihre Wirkung auf die Sierndorfer Porträtbüsten als Nachweis der religiösen Motivation der Stiftung
 
Welche Bedeutung haben die Erkenntnisse des Michael Viktor SCHWARZ für die Sierndorfer Porträtbüsten? Wenn wir heute auf das Kunstwerk
181.) 1 Ebenda, S. 234.
182.) DAW, Bruderschaftsbuch der Gottsleichnamsbruderschaft, fol. 33v., zit. nach: R. PERGER, Wiener Künstler des Mittelalters und der beginnenden Neuzeit. Regesten, Wien 2005, S. 143.
183.) M. V. SCHWARZ, Altargucker (zit. Anm. 144), S. 235.
schauen, so müssen wir in Betracht ziehen, dass es trotz seiner augenscheinlichen Unversehrtheit nicht nachweislich vollständig erhalten ist.
Es ist durchaus denkbar, dass die beiden Sierndorfer Büsten zum Zeitpunkt ihrer Erschaffung auf weitere, ursprünglich im Kircheninnenraum befindliche Ausstattungsobjekte Bezug nahmen beziehungsweise bis heute auf verbliebene Objekte Bezug nehmen. In Anbetracht der vielfach belegten Vorbildwirkung der Pilgrambüsten für die Sierndorfer Werke liegt es nahe, auch hier den Blick der Dargestellten zu studieren und nachzuvollziehen, denn als Mittel zur Veranschaulichung etwaiger Verbindungen mögen wiederum die Blicke der Dargestellten dienen beziehungsweise gedient haben. Bei den folgenden Betrachtungen ist stets zu bedenken, dass, genauso wie auch im Stephansdom geschehen, der Innenraum im Laufe der Jahrhunderte massiv umgestaltet wurde.
Heute blickt die Büste des Schlossherrn in Richtung des Ausstattungsstückes seiner Stiftung, das wohl am meisten hervorsticht, nämlich in Richtung des Hochaltares. Im Jahr 1690 wurde die Schauseite hinter einem monumentalen Altargemälde verborgen und der gesamte Corpus mit einem Barockaltar ummantelt, doch nicht entfernt. 1896 wurde das Altarbild wieder abgenommen und der wiederentdeckte Renaissancealtar restauriert. Seine Positionierung zentral im Chor des einschiffigen Saalraumes spricht für eine relativ unveränderte Aufstellung. Eventuell stand er einst etwa einen Meter hinter dem jetzigen Aufstellungsort, in diesem Fall würde der Blick des Schlossherrn genau auf den Altar treffen. Zurzeit blickt Wilhelm von Zelking auf einen Punkt, der sich ungefähr einen Meter dahinter befindet. Der Hochaltar zeigt gemäß des Patroziniums der Schlosskapelle ein Marianisches Programm. In der Predella hält Maria sitzend das Christuskind, um die Huldigung der Heiligen Drei
184.) Vgl. P. MARTINZ TUREK, Die Renaissancealtäre von Sierndorf, aus Beiträge zur Wiener
Diözesangeschichte: Jahrgang 12, Nr. 1
3, Wien 1971, S. 8.
Könige und der Stifterfamilie entgegenzunehmen. Eingemeißelt in die Stufe des Thrones Marias ist die Jahreszahl 1518. Zur linken Seite der thronenden Maria kniet Wilhelm von Zelking, zu ihrer rechten Seite seine Gattin Margaretha. Anhand der an den seitlichen Pilastern wiedergegebenen Familienwappen sind die beiden eindeutig identifizierbar. Ebenfalls dargestellt sind die fünf bis zum Jahr 1518 bereits geborenen Kinder des Ehepaares. Die beiden Söhne knien vor dem Vater, die drei Töchter vor der Mutter.
Eduard Freiherr von SACKEN, der den lange in Vergessenheit geratenen Renaissancealtar einst wieder auffand, liefert eine umfassende Beschreibung der Dargestellten: „Rechts kniet der Stifter des Altarwerkes mit betend erhobenen Händen, in einer Rüstung, wie solche zur Zeit Maximilians I. getragen wurden, kanneliert, mit runder Brust, gereiften Achseln mit kleinen Stosskrägen, großen Mäuseln, Beinröhren, stumpfen Schuhen mit Sporeneinschnitten an den Fersen. Der in regelmäßige Falten gelegte steife Waffenrock mit vier Querstreifen reicht von den Hüften bis auf den Boden. Das gekehlte Visier des Bourguinot ist aufgeschlagen und lässt das Gesicht des Ritters frei, welcher unverkennbar dieselben Züge zeigt, wie die Büste am Oratorium. Vor dem Stifter knien zwei Söhnchen mit Schauben und aufgestülpten Baretten. Gegenüber sehen wir seine Gemahlin in der für die Kirche zu Anfang des XVI. Jahrhunderts üblichen Tracht mit Gugel und Kinnbinde; das Kleid hat an Ellbogen und Handknöcheln geschlitzte Puffen, das lange, ärmellose Überkleid einen breit ausgelegten Kragen. Vor ihr knien die drei Töchterchen in Schauben, auf den Köpfchen große Netzhauben.“

Predella in der Schlosskirche Sierndorf
(Ausschnitt vom Hochaltar)



Bildrechte bei Herrn Robert Holler/Stockerau (freundlicherweise und kostenlos zur Verfügung gestellt!)

 

Der dem Blick des stolzen Schlossherrn auf der Empore folgende Betrachter sieht ihn schließlich demütig vor der Gottesmutter kniend und – die Hände zum Gebet erhoben – an der Anbetung der Könige teilnehmend. Mag eine isolierte Betrachtung der Emporenporträts in erster Linie ihren profanen

185.) SACKEN, Kunstdenkmale (zit. Anm. 90), S. 124.
Charakter hervor streichen, so wird durch die Bezugnahme auf den Altar die tiefe Religiosität des Stifterehepaares in der Verehrung des Jesuskindes deutlich.
Ungleich schwieriger lässt sich der Blick der Schlossherrin von der Empore herab nachvollziehen.
Anders als ihr Mann blickt sie heute auf die in den Bankreihen sitzenden Kirchenbesucher. An dieser Stelle müssen nun die bereits angesprochenen Umbauten berücksichtigt werden. Das von Wilhelm von Zelking in Auftrag gegebene Konzept umfasste einst auch vier Seitenaltäre, die um 1520 geschaffen wurden. Diese entfernte man um 1700 und ersetzte sie durch Barockaltäre. Seit 1939 befindet sich der Katharinenaltar, der auf dem Giebel des nahen Meierhofes eingemauert war wieder in der Kapelle.  Der halbkreisförmige Aufsatz eines weiteren Altares, den Hl. Christopherus, Florian und Georg zeigend, befand sich beim sogenannten Grummethof, einem weiteren zum Gut Sierndorf gehörigen ehemaligen Meierhof. Der Überrest des Altars wurde nach seiner Auffindung zunächst im Schloss aufbewahrt und ebenfalls 1939 über der Sakristeitür eingemauert. Weitere Teile der Seitenaltäre waren in die Friedhofsmauer eingelassen und wurden in den 1920ern verkauft. In welcher Form die vier Seitenaltäre angeordnet waren ist ungewiss. Mit Bestimmtheit kann nur gesagt werden, dass die Schlossherrin auf einen der vier herabschaute.
Überliefert und somit interpretierbar sind letztendlich nur die beiden Figuren selbst. Ausgehend von einem einstmals bestehenden Ensemble bringt die
186.) Vgl. MARTINZ TUREK, Die Renaissancealtäre von Sierndorf (zit. Anm. 184), S. 16.
187.) Vgl. Ebenda S. 8.
188.) Der zwischen dem Bundesdenkmalamt und dem Sierndorfer Gutshof geführte Briefwechsel zur Wiederaufstellung der beiden Seitenaltäre ist im Archiv des Bundesdenkmalamtes einzusehen. 1936/Geschäftszahl 727, 1936/Geschäftszahl 3400, 1937/ Geschäftszahl 4631, 1938/Geschäftszahl 2946, 1939/Geschäftszahl 3848.
189.) Vgl. KECK, Schlosspfarrkirche Mariä-Geburt (zit. Anm. 77), S. 358. Vgl. KECK, Sierndorf (zit. Anm. 75), S. 476.
isolierte Untersuchung der Büsten ohne Zweifel keine erschöpfende Antwort auf die Frage nach dem vom Auftraggeber intendierten religiösen Moment der Memoria. Doch auch ohne das Wissen um eine möglicherweise verloren gegangene Komponente des Werkes kam Rupert FEUCHTMÜLLER bei seiner Interpretation des Vorhandenen zu einer Anerkennung der religiösen Motivation: „Hier nimmt der Schlossherr in der von ihm erbauten Kapelle, sozusagen für alle Zeiten, an der heiligen Messhandlung teil. … Der Mensch ist nicht der Mittelpunkt, sondern der heilige Ort ist es, das Messopfer, an dem der Stifter allzeit teilnehmen will.“

6.1.3. These gegen die Intention einer Nutzung der Sierndorfer Schlosskapelle als Grablege

Die grundlegendste und verbreitetste Erscheinungsform des Memorialbildes ist das Grabmal. Doch wie schon bei der Einführung des Terminus des Memorialbildes angesprochen, ist es allein die Bildfunktion – die Verwendung des Bildes im Rahmen der Memoria – die ein Bild zu einem Memorialbild macht. Bei Grabbildern und Epitaphen ist diese Bildfunktion evident, doch neben diesen gibt es auch andere, weniger bekannte Erscheinungsformen des Memorialbildes.
Die Sierndorfer Schlosskapelle beherbergt in der Tat keine Grablege für den 1541 verstorbenen Wilhelm von Zelking. Nach den Aufzeichnungen Franz Karl WISSGRILLS wurde der Schlossherr in der Wiener Minoritenkirche beigesetzt. Zum Zeitpunkt der Abfassung des WISSGRILLSCHEN Manuskripts dürfte sich der heute verschollene Grabstein, dessen Wortlaut der Autor wiedergibt, noch vor Ort in der Minoritenkirche befunden haben:
190.) R. FEUCHTMÜLLER, Kunst in Österreich (zit. Anm.129), S. 197f.
191.) Vgl. OEXLE, Memoria und Memorialbild (zit. Anm. 155), S. 391.
192.) Vgl. WISSGRILL, Genealogische Collectanen (zit. Anm. 11), S. 77.
Am Pfingsttag nach Maria Himmelfahrt im Jahr 1541 starb der wohlgeborene Herr Wilhelm von Zelking zu Sierndorf etc: der Römisch. Königl. Majestät Rath und Hauptmann zu Hainburg, dem Gott gnnad, der diese Begräbniß für ihn und all sein Geschlecht und Nachkommen, welche hier ihr Begräbniß haben wollen aufgerichtet.
Als die Witwe Wilhelms 1549 verstarb, wurde sie an der Seite ihres Mannes beigesetzt, davon zeugte der nachfolgende Zusatz zur Grabinschrift:
Den 12. December 1549 starb die wohlgeborene Frau Margaretha von Zelking geboren von Sandizel, seine Herrn Wilhems von Zelking eheliche Gemahl, ihre Hochzeit ist gewest im 1511ten Jahr.
Im Anschluss waren laut WISSGRILL alle sechzehn ihrer miteinander gezeugten Kinder angeführt.
Das von Karl LIND aufgearbeitete mittelalterliche Gräberverzeichnis der Minoriten ist leider nur unvollständig erhalten und kann über das Grabmal Wilhelms von Zelking keine weiteren Auskünfte geben. Es zeigt allerdings auf, dass innerhalb der Familie Zelking eine lange währende Tradition des Begräbnisses bei den Wiener Minoriten bestanden haben muss. Schon im 14. Jahrhundert fanden Margaretha von Zelking, Petrissa von Zelking sowie auch Otto von Zelking und seine Gattin Elisabeth dort ihre letzte Ruhestätte.
Am selben Ort liegen auch die Brüder Hainricus und Stephanus von Zelking begraben. Ihnen folgte ein weiterer Otto von Zelking zu Schöneck, dessen genaues Todesjahr nicht verzeichnet wurde. Mitte des 16. Jahrhunderts scheint diese Tradition von der Familie
193.) Ebenda, S. 77.
194.) Ebenda, S. 77.
195.) Vgl. Ebenda, S. 77.
196.) K. LIND, Ein mittelalterliches Gräberverzeichnis des Wiener Minoritenklosters, in: Berichte des Altertums-Vereines zu Wien, XII, 1872, S. 52
114.
197.) Vgl. Ebenda, S. 61f., S. 85.
198.) Vgl. Ebenda. S. 86.
199.) Vgl. Ebenda, S. 63.
der Zelkinger wieder aufgenommen worden zu sein.
So wurde nach WISSGRILLS Notizen 1540 Franz von Zelking, ein Enkel von Wilhelms ältesten Bruder Hans, in der Wiener Minoritenkirche beigesetzt.
200.) Vgl. WISSGRILL, Genealogische Collectanen (zit. Anm. 11), S. 74.
Und auch die 1549 verstorbene Tochter des zweitgeborenen Veit von Zelking, Ottilia, fand ihre letzte Ruhestätte bei den Wiener Minoriten.
201.) Vgl. Ebenda, S. 75.
Hermann WIESFLECKER kommt bei seinen Studien zum adeligen Lebenswandel um 1500 zu dem Schluss, dass adelige Familien, die etwas auf sich hielten, neben einem Schloss auch ein Erbbegräbnis in einem Hauskloster oder einer Patronatskirche besaßen.
202.) Vgl. WIESFLECKER, Österreich (zit. Anm. 44), S. 294.
Die Wiener Minoriten als Hauskloster beziehungsweise Patronatskirche der Zelkinger zu bezeichnen, wäre ohne Zweifel zu hoch gegriffen. Dennoch muss es wohl großzügige finanzielle Zuwendungen von Seiten der Familie gegeben haben, da, wie Karl LIND seiner Überarbeitung des Gräberverzeichnisses der Minoriten voranstellt „Begünstigung einer solchen Ruhestätte nur Wohltätern der Kirche und des Klosters oder um diese verdienten Personen erteilt wurde.“
203.) Vgl. K. LIND, Ein mittelalterliches Gräberverzeichnis (zit. Anm.196), S. 52.

Die Missachtung der Geschichte und das in Vergessenheit geraten der Leistungen der Ahnen wurde als ein Grund für die Verdrängung des Adels aus den angestammten Positionen gesehen. Dieser Entwicklung wollten sie durch Selbstdarstellung der eigenen Person, ihres Wirkens und ihrer Ziele vorausschauend
218.) WIESFLECKER, Kaiser Maximilian, 5 (zit. Anm. 40), S. 369.
219.) E. EGG, Maximilian und die Kunst, in: Ausst. Kat., Maximilian I.. Innsbruck, Innsbruck 1969, S. 93f.
220.) H. Th. MUSPER u.a., Kaiser Maximilians I. Weißkunig,1, Stuttgart 1956, S. 225f., zit. nach: J.
MÜLLER, Gedechtnus. Literatur und Hofgesellschaft um Maximilian I., München 1982, S. 82.
entgegenwirken.
Auch für Wilhelm von Zelking hatte dieser Beginn der Verschriftlichung und der Aufzeichnung von Lebensdaten wohl Gewicht. Es
sind zwar keine literarischen Werke überliefert, die sein Leben und Wirken preisen würden, doch es fällt auf, dass dieser Mann eigenhändig seine Lebensdaten, wie die seiner Frau und seiner Kinder verzeichnete. Abgedruckt in der Kernschen Genealogie des Hauses Zelking hat sich unter Berufung das Streinsche Manuscript des ständischen Archives in Wien folgende Schrift erhalten:
1482. August 4. – 1541. August 18.
Ich Wilhalmb von Zelking, Herrn Christophen von Zelking Sun, der nachvolgunden Khinder Vatter, bin geboren des Suntags nach Sand Stefans Tag im Snidt (August 4.) zwischen sechsten und siben Ur Vormittag im lxxxij jar und hab geheyrat meines Alters im xxviijten Jar und am Suntag vor Auffart beygelegen (Mai 25.) und ist beschehen der Jar Zall im xiten Jahr.
Und mein Hausfrau Margaretha geb. von Sandizell ist alt gewesen, da ich sie genohmen hab aus Khayser Maximiliani Frauen Zimmer zu Sand Emerencianen Tag (Jänner 23.) im 18. Jahr (also geboren 1492) und haben die hier nach volgundten Khinder bey einander.
Vermerkht meiner Khinder alter, wie alt ain jedes geborn ist.
Mein erste Tochter Maria Anna ist geborn am Ertag vor Sand Florianstag (April 27.) im xii. Jar und ist im sibenden Jar gestorben.
Die ander Tochter Catharina ist geboren am Ertag zwischen 4 und 5 Uhr gegen Tag vor Sand Barthlmeestag (August 22.) im xiv. Jar; ist gestorben im xxxvii. Jar.
Und meines Bruedern Sun, Hern Wolfens von Zelking, Franz genannt, ist geborn 3 Wochen vor Weihnachten gegen Tag im xv. Jahr; (December 3.); ist gestorben im xl. Jar an Montag nach Vlrici Tag. (Juli 5.)
Mein Sun Quirin ist geborn am Ertag zwischen 5 und 6 Uhr Nachmittag vor Sand Peter und Pauls Tag im xvi. Jar (Juni 24.) und gestorben an Freytag nach Pfingsten (Mai 21.) des xxix. Jars.
Mer ein Tochter auch Marie Anna genannt, wie die erst, ist geborn an Aller Sellen Tag (Novemb. 2.) zwischen x und xj Uhr im xvii. Jar; und ist gestorben im Vaschang, als im vi. Jar ist gewesen.
221.) MÜLLER, Gedechtnus (zit. Anm. 212), S. 94.
Mein Sun Jörg ist geborn am Suntag vor Sand Colmans Tag (Oktober 10.) ein viertl Stund vor 12 Uhr im xviii. Jahr.
Mein Tochter Ludwia ist geboren an Sambstag am neuen Jar Abend umb unser Zeit im xix. Jahr. (December 31.)
Mein Son Christ Wilhalbm ist geborn am Cristag gegen Tag zwischen 7 und 8 Uhr (December 25.) im xx. Jar und ist desselben Jars gestorben.
Mein Tochter Anna ist geborn am Phingsttag nach Erhardi (Jänner 9.) um 3 Uhr Nachmitttag im xxii. Jahr.
Mein Sun Hans Wilhalbm ist geborn am Osterabend um Mittag (April 4.) im xxiii. Jar; ist gestorben im xliii Jar am Montag nach Sand Franciscen Tag. (October 8.)
Mein Son Cristoph Wilhalbm ist geborn am Pfingstag um 2 Uhr gegen Tag nach Sand Matheus Tag. (September 22.) im xxiv. Jar.
Mein Sun Pail-Wilhalbm ist geborn an Sand Pauls Tag B. (Jänner 10.) nach Mitternacht umb 1 Uhr im xxvi. Jahr.
Mein Tochter Dorothea ist geboren in Pfingsten, ist gewesen in eim Freytag (Juni 7. oder 14.) umb 3 Uhr Nachmittags, des xxvii. Jars; ist desselben Jars gestorben.
Mein Sun Wolf Wilhalmb ist geborn in der ersten Vast Wochen an Freytag Nacht gegen Tag zwischen 2 und 3 Uhr vor dem Suntag Reminiscere (Februar 19.) im xxix. Jar.
Mein Sun Carl Ludweig ist geborn in Niederland zu Breisl, weil ich bei der Künigin Maria von Ungarn gewesen bin, an eim Suntag nach Sand Ulrichs Tag (Juli 9.) gegen Mittag zwischen 11 und 12 Uhr, und Khayser Carl und seine Schwester Khünigin Maria haben ihn aus der Tauff gehoben im xxxi. Jar.

Totenschild des Carl Luwig von Zelking
(Schlosskapelle Sierndorf)


Bildrechte bei Herrn Robert Holler/Stockerau (freundlicherweise und kostenlos zur Verfügung gestellt!)

 
Mein Son Peter Wilhelbm ist geborn an der Freytag Nacht umb 12 Uhr vor Sand Peter und Pauls Tag am Abendt (Juni 28.) im xxxii. Jar.
Mein Tochter Apolonia ist geborn an Sand Veits Abend in der Nacht zwischen 1 und 2 gegen Tag (Juni 14.); ist Sand Veits Abend an aim Suntag gewesen im xxxiv. Jar; ist im xl. Jar gestorben in Osterfeyrttägen (März 28.)
Ist gestorben mein lieber Herr seliger den dritten Tag nach Marie Himmelfart im xli. Jar. (August 18.)
Dieses Verzeichnis der Lebensdaten des Ehepaares und der Kinder des Hauses entbehrt jeglichen künstlerischen Anspruches. Es ist vielmehr ein Zeugnis der zunehmenden Verschriftlichung und Bürokratisierung der
222.) KERN, Regesten (zit. Anm. 1), S. 195
Gesellschaft an der Wende zur Neuzeit. Ein Verdienst ist dem vorliegenden Manuskript jedoch keinesfalls abzusprechen, es hält die Existenz der genannten jungen Leben für die Nachwelt fest. Die Namen und die Lebensdaten der teilweise noch unmündig verstorben Kinder – Christ Wilhalmb starb noch in den ersten Lebenstagen – sind bis heute jederzeit abrufbar. Über Geburten, Sterbetage und die Vermählung des Wilhelm und der Margaretha hinaus enthält die Schrift kaum weitere Informationen. Um sein Leben und Wirken der Nachwelt zu Kenntnis zu bringen, wählte Wilhelm ein anderes Medium, die Steinplastik.
Die Niederösterreicher forderten Ständevertreter für das Regiment und einen österreichischen Kanzler, wie auch die Tiroler einen eigenen Kanzler hatten.“
Sollten diese Bedingungen nicht durchgesetzt werden, drohten die Stände mit Steuerverweigerung.
Maximilian befand sich in einer Zwangslage. Er brauchte dringend Unterstützung für seine Kriegsführung, wurde aber vom Reich im Stich gelassen. Umso mehr war er also auf die Hilfe seiner Länder angewiesen und konnte deren Wünsche nicht mehr wie bisher einfach übergehen. Seine Zugeständnisse an die Stände brachten den Wendepunkt in der inneren Entwicklung der österreichischen Länder. Um ihre Position zu festigen, erwarben die niederösterreichischen Stände im Jahr 1513 ein Haus in der Wiener Herrengasse. Dort wurden von nun an ihre Versammlungen
232.) Vgl. WIESFLECKER, Österreich (zit. Anm. 44), S. 59.
233.) WIESFLECKER, Kaiser Maximilian, 5 (zit. Anm. 40), S. 212.
234.) Vgl. Ebenda, S. 293.
abgehalten und ein politisches Zentrum entstand.
Die in der Beschreibung der Sierndorfer Emporen hervorgehobenen Einflüsse der an diesem Bau verwendeten Zierformen auf die Sierndorfer Werke, kennzeichnen beispielhaft die Bedeutung dieses Bauvorhabens für das Wiener Umland.
Darüber hinaus legen sie nahe, dass die Beeinflussung über den Bereich des Motivischen und Stilistischen hinaus auch auf der Ebene der Intention zur Verwirklichung des Bauvorhabens erfolgte. Zeigten die Niederösterreichischen Stände mit der Errichtung ihres Landhauses nun Selbstbewusstsein und Stärke gegenüber dem Kaiser, so wollte auch der einzelne Adelige seine Position durch entsprechende bauliche Maßnahmen verdeutlichen.
Der Venezianerkrieg darf aber auch ob der direkten Einflüsse der italienischen Renaissancestädte auf die in die militärischen Auseinandersetzungen verstrickten Männer nicht unterschätzt werden. Von 1494 bis 1516 hielten sich deutsche Militaristen auf italienischem Boden auf, und brachten dadurch die eingehende Kenntnis der italienischen Renaissancekunst ins Reich.
235.) G. STANGLER, Das niederösterreichische Landhaus, in: Ausst. Kat., Adel im Wandel, Rosenburg 1990, S. 307.
236.) E. EGG, Maximilian (zit. Anm. 219), S. 93.
 
6.3. Das Moment der Rechtssicherung und Besitzsicherung

6.3.1. Adelige Bautätigkeit in Niederösterreich nach 1500 als Ausdruck des neuen Selbstbewusstseins des Landständigen Adels unter besonderer Berücksichtigung der Einflüsse des Humanismus

An der Wende vom Mittelalter zur Frühen Neuzeit bewirkte die Rezeption des Humanismus einschneidende Veränderungen in der adeligen Hochkultur.
Ein neues, an der Antike orientiertes Bildungsideal entstand. Nördlich der Alpen wurde diese Strömung seit dem 15. Jahrhundert aufgenommen.
Kaiser Friedrichs III. „Zweite Romfahrt“ von 1468/69 brachte die Begegnung mit dem Süden und demnach mit der italienischen Renaissance. Als wesentliche Elemente des „Renaissace-Humanismus“ nennt STRNAD die Wiederbelebung und den Aufschwung der klassischen Gelehrsamkeit, die neben dem ästhetischen Element vor allem durch die Begeisterung für den lateinischen Stil, für Textkritik und Klassikerrezeption gekennzeichnet waren. Nach einer ersten Blütephase der Wiener Universität um die Mitte des 15. Jahrhunderts, war der Humanismus im Reich und in Österreich um 1500 besonders stark ausgeprägt. Einen Entwicklungsrückschritt brachten die Auseinandersetzungen mit Mathias Corvinus gegen Ende des 15. Jahrhunderts.

Mathias Corvinus


Ungarische Briefmarke
 
Doch Kaiser Maximilian I. verschaffte dem Humanismus eine zweite kurze Blütephase vor dem erneuten Niedergang durch die Pest 1521 und die Türkengefahr.
Nach der Vertreibung der Ungarn hatte sich Österreich unter der Enns rasch erholt, das Entstehen von 50 neuen Marktorten, zeugte vom ungewöhnlichen
237.) Vgl. K. VOCELKA, Geschichte Österreichs. Kultur – Gesellschaft – Politik, Wien 2002, S. 128.
238.) Vgl. A. STRNAD, Die Rezeption der italienischen Renaissance in den österreichischen Erbländern der Habsburger, in: Die Renaissance im Blick der Nationen Europas, Wiesbaden 1991, S. 158.
239.) Vgl. Ebenda, S.136.
240.) Vgl. VOCELKA, Geschichte Österreichs (zit. Anm. 231), S. 129.
wirtschaftlichen Wachstum.
Kaiser Maximilian I. wollte die Wiener Universität zur ersten Hochschule Europas machen.


Kaiser Maximilian I. auf einer afrikanischen Briefmarke
(nach einem Gemälde vom Albrecht Dürer)
„Er stattete sie jährlich mit einer Hofgabe von 1000 Gulden aus (ca. 5 Millionen öS oder 363.372 Euro); die Ausstattung hätte kaum großzügiger sein können. Die Wiener Universität hatte das Verdienst, dass hier die ersten humanistischen Vorlesungen nördlich der Alpen gehalten wurden“, präzisiert WIESFLECKER. Gelehrte aus Italien und Deutschland wurden an die Universität geholt und da die adelige Oberschicht zum Teil in Wien studierte, durchdrang der neue Geist auch Niederösterreich und Oberösterreich. So nahmen der Adel, die Klöster, die Städte und viele Pfarrherrn am geistigen Leben Anteil, vom Volk wurde diese Elitekultur jedoch kaum aufgenommen. Kaiser Maximilians Anteil an dieser Entwicklung darf keinesfalls unterschätzt werden. Sein Engagement für die Hochschule kann indirekt auch als Mäzenatenverdienst in Bezug auf die bildenden Künste angesehen werden.
In Wien stand der Bau von St. Stephan vor seiner Vollendung (Einstellung des Nordturmprojekts 1511), das Dominnere wurde mit Kanzel (1495
1498) und Orgelfuß (15101513) kunstvoll ausgestattet. Die Humanisten der Wiener Universität, wie Celtis (1508),


Conrad Celtis
(aus dem Internet entnommen)

Slatkonia (15131519) und Cuspinian (nach 1529)


Porträt des Johannes Cuspinian
von Lucas Cranach d. Ä. 1503
(Wikipedia)
 
ließen sich hier ihre prächtigen Grabdenkmäler setzen. Mit diesen nahmen das neue Menschenbild und die neuen Stilmittel des Renaissancehumanismus ihren Ausgang. Die Impulse im Bereich des Kunstschaffens und der Bautätigkeit wurden vom Umland aufgenommen und umgesetzt. Da es sich bei den meisten, der in der Folge entstehenden Altäre und Epitaphen um Auftragswerke handelt, liegt es nahe, die Besteller für die
241.) Vgl. WIESFLECKER, Österreich (zit. Anm. 44), S. 63.
242.) Ebenda, S. 399f.
243.) Ebenda, S. 397ff.
244.) OETTINGER, Pilgram (zit. Anm. 120), S. 83.
245.) Ebenda, S. 63.
Verwendung der modernen Formen verantwortlich zu machen. Auftraggeber und Stifter lernten das Werk nicht erst im fertigen Zustand kennen, sondern waren aktiv an dessen Entstehungsprozess beteiligt, indem sie ihre Wünsche äußerten.
Die Auftraggeber schätzten die Renaissanceformen wohl vor allem aufgrund ihrer Nähe zum Humanismus, ihre Verwendung sollte die eigene Bildung demonstrieren. Gleichzeitig konnten sie so die eigene Fortschrittlichkeit unter Beweis stellen und zeigen, dass sie über die neuesten Moden informiert waren.
Viele adelige Landschlösser wurden in der Folge erneuert. Während des 16. Jahrhunderts war die Umgestaltung der herkömmlichen mittelalterlichen Burgen und Schlösser zur Gewinnung bequemerer, ansehnlicherer und sicherer Wohnverhältnisse auf dem Lande die Hauptaufgabe des adeligen Bauens. Je nach Stand und Rang des Adeligen verfügte er über eine Burg, ein Schloss, eine Herrschaft, einen Edelmannssitz, einen Freihof oder ein Gut, mit jeweils genau definierter Rechtsqualität. Permanent nach außen sichtbar repräsentierte die Architektur des Adelsitzes die Bedeutung und den Einfluss des Eigentümers. Die Legitimation des eigenen Machtanspruches war demnach einer der Hauptgründe für den Bauboom um 1500. Mit den Umbauarbeiten der mittelalterlichen, stark befestigten Anlagen zu neuzeitlichen Repräsentationsbauten wurden in der adeligen Baukultur die südlich der Alpen ausgebildeten Renaissanceformen eingeführt.
Viele der adeligen Schlossbesitzer hatten in Italien studiert und dort die Paläste und Villen der italienischen Renaissance kennengelernt. Ebensolch prunkvolle
246.) C. JÄGGI/ H. MEIER (Hg.), Für irdischen Ruhm und himmlischen Lohn: Stifter und Auftraggeber in der Mittelalterlichen Kunst, Berlin 1995, S. 9.
247.) Vgl. C. BAER, Die italienischen Bau- und Ornamentformen in der Augsburger Kunst zu Beginn des 16. Jahrhunderts, Berlin 1993, S. 302.
248.) Vgl. BERGER, Adelige Baukunst, (zit. Anm. 71), S. 118.
249.) Ebenda, S. 113.
250.) Ebenda, S. 115.
Bauten wollte auch der landständische Adel im Wiener Umland besitzen.
Die neu gestalteten Schlossanlagen offenbarten die verfeinerte Wohnkultur und den wachsenden Reichtum der Bewohner und waren nicht selten Wohnhäuser und Verwaltungsgebäude zugleich.
In der Nähe der Schlösser wurden gleichzeitig zumeist Pfarrkirchen und Schulen errichtet. Diese Baumaßnahmen zeugen von der Tendenz, eigenständige verwaltungs- und bildungsmäßige Zentren zu bilden und zeigen eine weitere Facette des anspruchsvollen adeligen Selbstbewusstseins.
Dieser Entwicklung entsprechend geht auch das Sierndorfer Schulgebäude auf das Jahr 1543 zurück.

6.3.2.
 
Das Goldene Dachl zu Innsbruck und sein Einfluss auf die Stiftungen Wilhelms von Zelking als Beispiel für politische Legitimation, Rechtssicherung und Besitzsicherung innerhalb des Memorialgedankens Dokumente, die den Aufenthalt Wilhelms von Zelking in Innsbruck eindeutig belegen könnten, sind bis dato keine bekannt.
 
 

Österreichiscche Landeshauptstädte 1923
„Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung der Österreichischen Post AG

Dennoch legen einige Stationen im Leben des Zelkingers eine Durchreise durch die Residenzstadt nahe. Einen Anlass für einen zumindest kurzen Aufenthalt in Innsbruck gibt Wilhelms Teilnahme am Krieg wider die Venezier im Sommer 1509.


Das Goldene Dachl, gemalt von Bischof Reinhold Stecher Weihnachtsmarke 2010
„Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung der Österreichischen Post AG

Wie bereits in seinem Lebenslauf erwähnt, befand sich Wilhelm im Zug jener 1000 Reiter, die die niederösterreichischen Stände Kaiser Maximilian als Kriegshilfe zukommen ließen. Eingehende Informationen zu diesem Kriegszug bietet einmal mehr WIESFLECKER: „Am 1. Juni 1509 … überschritt das kaiserliche Heer, größtenteils Tiroler – insgesamt kaum 10.000 Mann und 1.500 Reiter –, mit drei sehr schwachen Heeresgruppen die venezianischen
260.) Vgl. Ebenda, S. 82.
Grenzen im Etschtal, Valsugana und Cadore …“
Die kaiserlichen Truppen sammelten sich also im an Venedig angrenzenden Tirol und überschritten von dort aus die Grenze. Eine Durchreise des jungen Adeligen durch die Residenzstadt wäre demnach nur plausibel.
Gestärkt wird die Theorie des Innsbruckaufenthalts des Zelkingers durch die in diesen Zeitraum fallende Wahl seiner Gemahlin.
Die moderne Version (2008)
„Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung der Österreichischen Post AG
 
Nur zwei Jahre nach dem Feldzug, nahm Wilhelm das Hoffrauenzimmer Margaretha von Sandizell zur Frau. Interessant in diesem Zusammenhang ist ein Blick auf den Standort des kaiserlichen Hofes. Die Wiener Burg spielte um 1500 als fester Standort des kaiserlichen Hofes so gut wie keine Rolle mehr.
WIESFLECKER präzisiert „In Wien und Umgebung hielt sich Maximilian von 1490 bis 1519 nur etwa 39 Wochen auf. Innsbruck war neben Mecheln der eigentliche Sitz des Hofes und die Hauptstadt der aufsteigenden habsburgischen Großmacht.“ Es ist daher anzunehmen, dass Wilhelm am Innsbrucker Hof auf seine spätere Gattin traf. Der Zeitraum wäre mit 1509, dem Jahr seiner Teilnahme am Venedigerfeldzug, und 1511, dem Jahr der Heirat, einzugrenzen.
Ausgehend von diesen Überlegungen liegt die Vermutung nahe, dass Wilhelm von Zelking die von Kaiser Maximilian neu gestaltete Innsbrucker Hofburg kennenlernen durfte. Ein Denkmal der Residenzstadt hat er jedoch mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit kennen gelernt – das Goldene Dachl am Neuenhof. Allein der Standort des Denkmals an der Hauptroute von Augsburg nach Italien bewirkte, dass Generationen von Kaufleuten, Reisenden, Pilgern und Soldaten – in dieser Funktion bereiste auch Wilhelm von Zelking die Stadt – am Goldenen Dachl vorbeiziehen mussten.
Denn bis zum Bau der Universitätsbrücke (1930/31) verlief der
261.) H. WIESFLECKER, Kaiser Maximilian I.. Das Reich, Österreich und Europa an der Wende zur Neuzeit, Bd. 4, Wien 1981, S. 51f.
262.) Ebenda, S. 278.
gesamte Verkehr durch die Innsbrucker Altstadt und somit durch die Herzog-Friedrich-Straße, dem Standort des Neuenhofs. Den Bekanntheitsgrad des Kunstwerkes dokumentiert folgender Abschnitt des im Jahr 1558 gedruckten „Tiroler Landreimes“ des Gerold Rösch von Geroldshausen:
Das guldin Dach gar wol bekhanndt
sein Ruemb erschollen in weytte Lanndt.
Wilhelm von Zelking befand sich ausgehend von den bereits eingangs formulierten Überlegungen zwischen 1509 und 1511 in Innsbruck. Das heißt das Goldene Dachl bestand zum Zeitpunkt seines Aufenthaltes sowohl nach den Datierungen Franz-Heinz HYES, der die Entstehung des Prunkerkers um 1494 bis 1496 ansetzt, als auch nach den Ausführungen Johanna FELMAYERS, die die Fertigstellung vor 1500, dem Jahr des Augsburger Reichstages annimmt.


Freimarke „Bauten“ (1957/63)
„Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung der Österreichischen Post AG

 
FELMAYERS Thesen widersprechen der landläufig überlieferten Legende, Kaiser Maximilian I. hätte das Goldene Dachl
263.) Vgl. F. H. HYE, Das Goldene Dachl Kaiser Maximilians I. und die Anfänge der Innsbrucker Residenz, Innsbruck 1997, S. 42.
264.) G. RÖSCH von GEROLDSHAUSEN, Tiroler Landreim, o. O. 1558, zit. nach: F. H. HYE, Das Goldene Dachl Kaiser Maximilians I. und die Anfänge der Innsbrucker Residenz, Innsbruck 1997, S. 42.
265.) Vgl. F. H. HYE, Das Goldene Dachl (zit. Anm. 263), S. 42.
266.) Vgl. Ebenda S. 40.
267.) Vgl. J. FELMAYER, Das Goldene Dachl in Innsbruck. Maximilians Traum vom Goldenen Zeitalter, Innsbruck 1996, S. 11.
anlässlich der Heirat mit seiner zweiten Frau Maria Bianca Sforza errichten lassen. Die Vermählung hatte laut FELMAYER den rein politischen Zweck Italien zu sichern und das Vermögen zu vermehren.
Der noch nicht ganz 30-jährige Wilhelm von Zelking kam aus dem ganz unter dem Einfluss Wiens stehenden Osten des Landes in die Residenzstadt Innsbruck. Hier wollte er seine Gemahlin auswählen und hier traf er auch auf das beeindruckende Prestigedenkmal Maximilians, der sich selbst und seine beiden Frauen in Stein gemeißelt verewigen ließ. Es handelt sich bei den
beiden Porträtreliefs Maximilians um die ältesten öffentlichen Porträts des Kaisers, wie HYE in seiner Befassung anmerkt.
Noch nie zuvor kann dem Zelkinger ein Werk begegnet sein, das so unverhohlen das Selbstbewusstsein des, von der eigenen Bedeutsamkeit überzeugten, Auftraggebers repräsentiert.
Der nun folgende Abschnitt des vorliegenden Kapitels soll aufzeigen
268.) Vgl. Ebenda S. 14f.
269.) Vgl. Hye, Das Goldene Dachl (zit. Anm. 263), S. 42.
270.) Vgl. Ebenda, S. 116.


Goldenes Dachl (Postkartenausschnitt)
„Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung der Österreichischen Post AG
inwieweit die zentralen Mittelreliefs des Goldenen Dachls als Vorbild für die Intentionen, die zur Herstellung der Sierndorfer Plastiken geführt haben, gedient haben können, und wo die Grenzen dieses Zusammenhangs liegen.
Für das adelige Porträt stellt Sabine FELLNER, in ihrem Beitrag zum Ausstellungskatalog Adel im Wandel, fest, dass „ für die Selbstdarstellung des Adels das höfische Porträt in gewisser Weise stets verbindlich bleibt.“ Behält diese Annahme auch für den Bereich der Skulptur ihre Gültigkeit?
Jedes der beiden 72,5 x 83 Zentimeter großen Reliefs aus Mittenwalder Sandstein zeigt eine Dreierkomposition über einer teppichgeschmückten Balustrade. Das linke Relief gibt Maximilian I. mit seinen beiden Gemahlinnen wieder. Im Zentrum befindet sich die ihm eben angetraute Bianca Maria, Maximilian wendet sich ihr von der linken Seite her zu. Die im Jahr 1482 verstorbene Maria von Burgund wird im rechten Bildteil mit verschränkten Armen und völlig unbeteiligt am Geschehen dargestellt.
Die an der Balustrade oberhalb ihres Wappens sitzende Eule kann nach FRENZEL als Symbol ihres Todes gedeutet werden.
Die rechte Dreierkomposition zeigt mittig Maximilian I. en face in Herrscherpose flankiert von einem Hofnarren wie einem Ratsherrn.
Wilhelm sah sich demnach mit einem profanen Denkmal konfrontiert, das den amtierenden König gleich zweimal unmittelbar nebeneinander, einmal im Profil und einmal en face zeigt. Diese doppelte Darstellung kann eigentlich nur dadurch erklärt werden, dass der beinahe ununterbrochen durch das Reich reisende Monarch, für seine Innsbrucker Untertanen zumindest optisch allezeit präsent
271.) S. FELLNER, Das adelige Porträt. Zwischen Typus und Individualität, in: Ausst. Kat. Adel im Wandel. Politik. Kultur. Konfession. 1500
1700, Rosenburg 1990, S. 499.
272.) Vgl. M. FRENZEL, Innsbruck um 1500, in: Ausst. Kat., Maximilian I. Triumph eines Kaisers. Herrscher mit europäischen Visionen, Innsbruck 2005, S. 36.
273.) Vgl. Ebenda, S. 36.
sein wollte. Er wusste schon damals um die Bedeutung der bildenden Kunst für den persönlichen Bekanntheitsgrad.
Die erste Gemeinsamkeit der hier zu besprechenden Kunstwerke besteht darin, dass beide Auftraggeber zum Zeitpunkt der Auftragserteilung voll im Leben, ja sogar noch am Anfang ihrer jeweiligen Karriere standen und mit den lebensechten Selbstporträts ihren Machtanspruch postulierten beziehungsweise gleichzeitig auch rechtfertigten. Keines der beiden Bildwerke steht auch nur im Entferntesten mit Begräbniskultur in Zusammenhang, hier zählt das pure Leben und es bleibt noch viel Zeit um die selbst gesteckten Ziele in diesem Leben zu verwirklichen.
Wilhelm von Zelking hatte gerade erst die wirtschaftliche Unabhängigkeit erreicht, die ihm ermöglichte den Bund fürs Leben zu schließen. Als ehrgeiziger junger Adeliger lag noch eine große Karriere vor ihm – man bedenke den Ritterschlag zu Aachen 1521, die Bestellung zum Oberhofmeister der Königin Maria von Ungarn, sowie die Teilnahme am Reichstag zu Augsburg 1530. Doch gleichzeitig schien es für ihn von Bedeutung zu sein, seinen Anspruch auf das bisher erreichte – den Adelsitz sowie die damit verbundenen Privilegien – durch diese großzügige Stiftung zu rechtfertigen. Schon die rein formalen Gesichtspunkte für sein persönliches Repräsentationsobjekt entlehnte der Zelkinger dem Innsbrucker Vorbild. Er gab einen vorspringenden architektonischen Baukörper in Auftrag, die Entscheidung für einen Erker beziehungsweise ein Scheinoratorium wird durch die Positionierung im Innenraum gerechtfertigt. Der in Innsbruck verwendete Söller entspricht der dortigen Anbringung an der Außenfassade. Eine solche Öffnung nach außen hin war in Sierndorf nicht zweckmäßig, das Schloss gab sich zum Umland hin wehrhaft geschlossen. Als für sich allein stehender Adelssitz musste es die Funktionen Repräsentation und Befestigung
274.) Vgl. HYE, Das Goldene Dachl (zit. Anm. 263), S. 77f.
275.) Vgl. WISSGRILL, Genealogische Collectanen (zit. Anm. 11), S. 76f.
in einem einzigen Gebäude vereinen. Die Repräsentationsfunktion wurde folglich in den inneren Bereich der Anlage verlegt, Wilhelm von Zelking wählte den Sakralraum als Ort für die Legitimation seines Machtanspruchs.
Zu Wilhelms Lebzeiten verweilten Reisende beziehungsweise Gäste meist mehrere Tage und Wochen bei ihrem Gastherrn, der tägliche Messbesuch war obligatorisch. Mit der Schlosskapelle als Standort für sein persönliches Prestigeprojekt konnte der Schlossherr sicher sein, alle von ihm gewünschten Adressaten zu erreichen. Hier ergibt sich eine Parallele zur Verbreitung der prunkvollen Ruhmesschriften Maximilians, auch sie waren dargestellt nur für einen ausgewählten Kreis von Adressaten bestimmt. Die Idee der widersprüchlichen Doppelfunktion eines Raumes, einerseits als Kirche und andererseits als Träger zur Darstellung außerreligiöser, politischer Inhalte ist durchaus kein Einzelfall und wird im Laufe des 16. Jahrhunderts immer wieder aufgegriffen.
Sinn und Zweck vorkragender Architekturteile sind primär das Sehen und Gesehenwerden.
Spielen bei Außenbauten – insbesondere an einem derart belebten Ort wie der Innsbrucker Herzog- Friedrich-Straße das Sehen und die unmittelbare persönliche Teilnahme am Treiben der Bürger eine große Rolle, so tritt im Innenraum deutlicher das Gesehenwerden in den Vordergrund.
Zwar ist auch in der Sierndorfer Schlosskapelle ein Betreten der Empore – über die Wendeltreppe des dahinter liegenden Turmes – möglich, der Ausblick bleibt jedoch auf die von den Zelkingern selbst vorgenommenen Stiftungen sowie die Messgänger
beschränkt. Entscheidend ist vielmehr das bewusste Sichsehenlassen, das sowohl in Innsbruck als auch in Sierndorf von den Stellvertreterbildnissen der Auftraggeber übernommen wird. Auch in ihrer Abwesenheit, sei es zu Lebzeiten durch Reisen oder durch die endgültige Abwesenheit im Tode, bleiben die lebensecht abgebildeten Bauherrn alle Zeit präsent.
276.) Vgl. HOLZSCHUH-HOFER, (zit. Anm. 247), S. 93f.
Rückte HYE den Baubeginn des Goldenen Dachls in das Jahr der Vermählung Maximilians mit seiner zweiten Gattin 1494, so lassen sich bei den Sierndorfer Werken auch in diesem Bereich Parallelen erkennen. 1511 nahm Wilhelm seine Margaretha zur Frau, mit 1516 sind die beiden Porträtbüsten datiert. Die Jahreszahl 1516 markiert allerdings nur einen ausgewählten Zeitpunkt im Zusammenhang mit der Entstehung der Büsten, für deren Entwicklung von der Planung bis zur Ausführung und Fertigstellung
ist freilich ein längerer Zeitraum einzukalkulieren. Mit der, wie schon im Forschungsstand erwähnten, bei KECK erstmals vorgenommenen Datierung der Umgestaltung der Schlosskapelle in die Jahre 1511 bis 1516, kommt man einer Errichtung der Porträtbüsten aus Anlass der Eheschließung schon wieder sehr nahe. 
1516 markiert demnach punktuell das Jahr der Fertigstellung der Büsten. Doch wie schon beim berühmten Vorbild des Innsbrucker Dachls geschehen, wollte auch Wilhelm von Zelking mit seinem Prestigeprojekt keinesfalls in erster Linie seine eben erfolgte Eheschließung oder gar seine junge Gemahlin in den Vordergrund stellen. Im Mittelpunkt der von ihm geschaffenen Inszenierung stand einzig sein eigenes Prestige. Es scheint, als wollte der ehrgeizige Zelkinger mit der Errichtung dieses selbstbewussten Denkmals aufzeigen, wie weit er es als Drittgeborener und von Geburt an für den Kirchendienst bestimmter Mann in seinem Leben bereits gebracht hatte. Mit diesem modernen Kunstwerk führt er dem Betrachter seinen Reichtum, seine Bildung und seinen außerhalb der Landesgrenzen geschulten Kunstsinn vor Augen. Die schöne und nach der teuersten Mode zeitgemäß gekleidete Gattin zeugt wiederum von der Weltgewandtheit und dem Geschmack des Hausherrn. Der gewinnende Eindruck, den Margaretha hinterlässt, fällt wie ein Spiegelbild auf den Mann zurück, der ihr diesen gehobenen Lebensstandard ermöglicht hat. Es entsteht der Eindruck, als wäre ein derart erfolgreicher und gut situierter Adeliger jedes weiteren Karrieresprunges würdig. Wilhelm präsentiert sich als der Mann, der er gerne sein möchte. Diesem Balanceakt zwischen Realität und vorausschauendem Wunschdenken begegnet man ebenso in der Darstellung Maximilians I. an den beiden Mittelreliefs des Goldenen Dachls.

7. Zusammenfassung
 
Ausgehend von der Frage nach der Motivation zur Errichtung des vorliegenden Doppelporträts, lag der Schwerpunkt der Studien in der Erarbeitung der Bedeutung von Memoria für den Schlossherren und seine Zeitgenossen.
In erster Linie wird Memoria mit dem Totengedenken im christlichen Kult in Verbindung gebracht. Im Mittelalter bedeutet der Tod für den Menschen nicht das Ende des Lebens. Er sieht seiner Auferstehung am Jüngsten Tag entgegen. In Erwartung des letzten Gerichts bleibt er somit auch nach seinem Ableben in einer Gemeinschaft mit den Lebenden. Der Schlossherr und seine Gemahlin zeigen sich, ins ewige Gebet versunken, als Teilhabende an der Messfeier. Sie sind Teil der Kirchengemeinde. Das Gedächtnis an die Verstorbenen soll bis zum Tag des Jüngsten Gerichts gewahrt werden. Die Lebenden und die Verstorben werden dann gemeinsam an der Erlösung teilhaben. Um die Erinnerung an sich lebendig zu halten, stiftet Wilhelm von Zelking die Schlosskapelle und lässt sein eigenes Antlitz und das seiner Gemahlin in Stein verewigen. Die Messbesucher als Nutznießer der Stiftung gedenken ihrer Gönner und schließen sie in ihre Gebete mit ein. Nimmt der Betrachter die Stifterbüsten darüber hinaus als Teil eines Beziehungsgefüges im Kircheninnenraum wahr, so leitet der Blick des Schlossherrn die Aufmerksamkeit auf den Hochaltar weiter.
In der Predella, eingebettet in eine Epiphanias Darstellung, erscheint wiederum das Ehepaar Zelking. Nun wird die tief empfundene Religiosität deutlich und unmissverständlich in der Teilnahme an der Anbetung der Gottesmutter mit dem Christuskind zur Schau gestellt.
Doch die religiöse Motivation zur Errichtung der Büsten kann nicht ihren nahezu herrschaftlichen Charakter erklären. Es zeigt sich, dass mittelalterliche Memoria nicht allein auf den religiösen Aspekt beschränkt bleibt, sondern alle Lebensbereiche durchdringt.
Kaiser Maximilian I. wendet sich mit seinem Gedächtniswerk primär an die Nachwelt.
Er nützt genealogische Studien zur Untermauerung seines Herrschaftsanspruchs und betreibt ungehemmt Propaganda für seine eigene Person. Er handelt nach der Maxime:
Wer ime im leben kain gedachtnus macht, der hat nach seinem tod kain gedächtnus und desselben menschen wird mit dem glockendon vergessen…
Am Innsbrucker Goldenen Dachl treibt er die Werbung für die eigene Person auf die Spitze. Ohne noch den entsprechenden Rechtsanspruch erlangt zu haben, lässt er sich mit der Kaiserkrone darstellen. Auch die niederösterreichischen Stände entwickelten ein immer stärkeres Selbstbewusstsein. Als der Kaiser im Venezianerkrieg auf ihre materielle Unterstützung angewiesen ist, nützen sie ihre Chance und setzen lange gehegte Forderungen durch.
Mehr Mitbestimmung in Regierungsangelegenheiten und Garantien für ihre eigenen Besitzungen sind die Folge. Die daraus resultierende höhere Selbsteinschätzung wird in der Schaffung eines politischen Zentrums, dem Niederösterreichischen Landhaus, sichtbar.
Parallel dazu verläuft eine Welle der Neu- und Umgestaltungen einzelner Adelsitze. Eine weitere Ursache für das gesteigerte Selbstwertgefühl der jungen Adeligen liegt in der wachsenden humanistischen Bildung. Vom Wirkungskreis der Wiener Universität ausgehend verbreiten sich das neue Menschenbild und die neuen Stilmittel der Renaissance. Ihre Verwendung
279.) H. Th. MUSPER u. a., Kaiser Maximilians I. Weißkunig,1, Stuttgart 1956, S. 225f., zit. nach: J. MÜLLER, Gedechtnus. Literatur und Hofgesellschaft um Maximilian I., München 1982, S. 82.
soll vor allem die Bildung und die Fortschrittlichkeit der Auftraggeber unter Beweis stellen.
Die aus all den genannten Faktoren resultierende Selbstsicherheit des Zelkingers ist die Grundvoraussetzung für den von ihm erteilten Auftrag. Er stellt die Inszenierung seines Prestiges in den Mittelpunkt. Von Geburt her nur mit mäßigen Karrierechancen bedacht, hat der drittgeborene Wilhelm von Zelking den Ehrgeiz, seine Möglichkeiten optimal auszuschöpfen. Mit der Erlangung des Herrschaftsanspruchs über das Gut Sierndorf schafft er sich eine gute Ausgangsposition für eine Laufbahn bei Hof. Die Stifterporträts gibt der junge Adelige zu einem Zeitpunkt in Auftrag, an dem er schon stolz auf seine bisherigen Erfolge, wie etwa den Triumph im jahrelangen Erbschaftsstreit, verweisen kann. In erster Linie soll die Büste nun das ihm eigene Potential verdeutlichen und seine Eignung für kommende, herausfordernde Aufgaben unterstreichen. Er präsentiert sich als gebildeter und kunstsinniger Mann von Welt, die Darstellung erhält den Charakter einer Visitenkarte.
Verfolgt man den beruflichen Werdegang des Zelkingers weiter, so wird offensichtlich, dass diese offensive Taktik des Werbens für die eigene Person Erfolg hat. Wilhelm von Zelking zeigt, was er ist und was er kann, damit ihn auch die Außenwelt entsprechend wahrnimmt.
Noch heute raten Motivationstrainer zu ähnlichen Strategien und auch ein wenig Gottvertrauen ist nie fehl am Platz.
Sierndorf, im April 2010

Es wurden weitgehend nur Auszüge (ohne Literaturhinweisen) die das Geschlecht Zelking betreffen, genommen.

Vielen herzlichen Dank für die Bereitstellung des CD-Manuskriptes (und der Abdruckgenehmigung) seitens Frau Mag. phil. Ute Bixa!